Ganz normale Helden in den Abgründen des Internets
Braunschweig Der neuseeländische Autor Anthony McCarten stellte seinen neuen Roman über ein Online-Spiel vor
Ob das so eine brillante Idee war, ausgerechnet Neuseeland zum Gastland der Frankfurter Buchmesse zu küren? Nehmen wir Anthony McCarten, den erfolgreichsten Autor des menschenarmen Fleckens auf der anderen Seite der Erdkugel. Seine Bücher spielen in England, sie sind überhaupt sehr englisch. Die meisten Neuseeländer sind sowieso englischstämmig.
Als McCarten in der Braunschweiger Buchhandlung Graff aus seinem neuen Buch vorlas, berichtete er, einen seiner früheren Romane habe er von einem neuseeländischen Ambiente in ein englisches umgeschrieben, um auf dem Weltmarkt erfolgreich zu sein. Das habe ihn nur ein paar Tage gekostet. Der 51-Jährige ist einfach ein ziemlich guter Geschichten-Erzähler. Das ist für ihn eine globale Qualität.
In seinem neuen Roman „Ganz normale Helden“ wirft er sich auf ein Feld, das er wohl zu Recht für ein Stiefkind der Literatur hält: Die Welt der Internet-Spiele, jene Simulationen von Wirklichkeit mit erheblichem Sucht-Potenzial. Der Plan ist ehrgeizig: Ein ganz neues Medium in einem uralten zu spiegeln.
Das Internet sei als Lebens-Umwälzung für unsere Generation vergleichbar mit dem Zweiten Weltkrieg für die Großeltern und der sexuellen Revolution für die Eltern, meint er. Die Auswirkungen der digitalen Revolution auf Familien interessiere ihn besonders, da die Familie die wirkmächtigste gesellschaftliche Gruppe sei.
Das Internet hält er für eine „Neudefinition von Kindheit“, Facebook für eine „Neudefinition, Industrialisierung und Kommerzialisierung von Freundschaft“.
„Ganz normale Helden“ ist die Fortsetzung seines wunderbaren Welterfolgs „Superhero“. Dieser endete mit dem Tod eines krebskranken jugendlichen Comic-Genies. McCarten verfolgt dessen Familie weiter. Gehobener englischer Mittelstand. Die Mutter versteinert in Trauer und sucht im Internet nach Gott. Der Vater geht hilflos auf Distanz. Der 18-jährige Sohn taucht ab, flieht vor der zerbrechenden Familie. In ein virtuelles Kampf- und Abenteuerspiel.
Der Vater schafft sich nun ebenfalls eine Spielfigur (einen Avatar) und steigt dem Avatar des Sohnes nach – in die Unendlichkeit der phantastischen Pseudo-Realität. Er vernachlässigt fahrlässig seinen Beruf, gerät in nächtliche Adrenalinschübe vor dem Bildschirm, kämpft sich von Level zu Level empor, die Grenzen verschwimmen ihm. Doch er findet im Netz seinen Sohn, beginnt eine schmerzliche, aber – vielleicht – heilsame Kommunikation.
McCarten verdammt die virtuellen Welten nicht. Er begreift sie als problematische, aber auch faszinierende Erweiterungen der Persönlichkeit, als Erlebnisräume bigger than life. Darin kann der ereignisarme, mittelmäßige, angepasste Wohlstandsbürger seine im Leben verweigerte Dominanz und Großartigkeit ausleben, seine Macht- und Gewaltphantasien, seine geheimen Gelüste, seine sexuelle Andersartigkeit. Er lernt Facetten seines Charakters kennen, von denen er zuvor nichts ahnte, vor denen er erschrecken mag. Stichwort: Grenzerfahrungen.
Bei McCarten bleibt die Spielerei und Gottsuche im Internet letztlich aber eine Flucht – vor den Herausforderungen einer trostlosen und sehr viel komplexeren Wirklichkeit. Das Humane, das Liebenswerte an seinem Buch ist, dass sich alle drei Familienmitglieder am Ende doch noch dieser Wirklichkeit stellen.
Das ist dann eben doch die Stärke von Literatur.

