Der Mensch ist kein Abgrund
Braunschweig Bernd Rebe, der ehemalige Präsident der TU Braunschweig, hat einen Roman geschrieben: „Südlichtwende“
Im Nachwort schreibt Bernd Rebe in der dritten Person über sich selbst: „Am Ende der achten Fassung des Romans waren fast sechs Jahre vergangen. Der Autor fragte sich, wovon sein Roman denn eigentlich handelt...“
Daran sieht man, dass der emeritierte Jura-Professor und ehemalige Rektor der TU Braunschweig, der sich im Bereich der Belletristik als „Spätautor“ bezeichnet, tatsächlich nicht sehr erfahren sein kann im Haifischbecken des Literaturbetriebs. Denn so ein Satz ist natürlich tödlich. Jeder Rezensent der Welt würde ihn aufspießen.
Zumal – leider, leider – damit ja auch das Hauptproblem von Rebes Roman „Südlichtwende“ getroffen ist.
Weiter schreibt er im Nachwort, der Roman könne als „Frauen-, Hochschul- und (natürlich!) Liebesroman“ gelesen werden, aber es handele sich auch um einen „Goethe-Welt-Roman“, es gehe um die „Suche nach Wirklichkeit“ und auch um die „Suche nach dem Menschlichen“.
Da schlägt man das über 300 Seiten starke Opus doch etwas beklommen auf. Denn das klingt nach bleischwerer Gedankenprosa. Aber beim Lesen stellt sich Erleichterung ein. Das ist doch alles ganz unterhaltsam! Rebe kann Atmosphäre erzeugen, und sein Schreiben ist getragen von einer tiefen Sympathie für seine Heldin Maren Wedemark.
Sie ist Suchtbeauftragte an einer norddeutschen Technischen Universität. Soeben hat sie sich von ihrem Freund Gregor getrennt und macht Urlaub bei einer Freundin in der Türkei. Auch sie ist sehr nett. Sie lernt einen deutsch-jüdischen Germanisten namens Wolfgang Hirsch kennen, der schöne Augen hat und dauernd Goethe zitiert. Auch er: sehr, sehr nett. Beide verlieben sich. Aber sie muss zurück in dieses norddeutsche Nest, er lehrt in Ankara. Er möchte, dass sie zu ihm zieht, sie ist unentschlossen.
In jener norddeutschen Universitätsstadt tritt sie nun ihr Amt an. Sie lernt den Präsidenten kennen (sehr nett), hat aber mit Missgunst und Intrigen von innerhalb des Universitätsbetriebes zu kämpfen. Ihr Beistand sind eine korpulente Sekretärin mit viel Kuchen (sehr nett), ein amerikanischer Technik-Spezialist (sehr nett) und drei Biertrinker (Problembären, aber letztlich auch nett). Ex-Freund Gregor startet Rückeroberungs-Attacken (nervig, aber eigentlich auch nett). Maren wird schwanger vom Germanisten Hirsch, lernt dessen Töchter kennen, die in Hamburg leben (beide sehr nett). In eine der beiden verliebt sie sich (supernett).
Also ein Liebesdurcheinander, Irrungen und Wirrungen der erotischen Art, wie sie der Unterhaltungsroman halt so mit sich bringt. Wie’s ausgeht, sei nicht verraten.
Das alles liest sich gut, die Insider-Passagen aus der Hochschule durchaus auch süffig-satirisch. Der Stil ist mitunter akademisch verrutscht. Die Liebe etwa wird definiert als „Koinzidenzpunkt von höchster Selbstfindung und Selbsthingabe“. Goethes „Weltbetroffenheit“ als „das unter verschiedenen Blickwinkeln oder situativen Erfahrungen Auszudrückende.“
Aber wie gesagt, der Heldin Maren, wie sie sich da so allein und unverwurzelt durchs Leben tastet, folgen wir gern. Rebe schaut überhaupt mit großem humanistischen Wohlwollen auf sein Personal. Das ehrt ihn, markiert aber eben auch die Schwäche seines Buches.
Die Personen, vor allem Maren und ihr Professor, sind sehr eindimensional. Wenn Georg Büchner zufolge der Mensch ein Abgrund ist, hat Rebe denselben artig zugeschüttet. So mangelt es dem Roman letztlich trotz der teilweise recht turbulenten Handlung und der sexuellen Umorientierung an – Spannung.
Worum also geht es in dem Roman? Sagen wir: Um (Selbst-)Findungsprozesse von netten Leuten. Das ist nicht nichts, aber auch nicht der ganz große Wurf.
Bernd Rebe, „Südlichtwende“. Verlag ad libri, 314 Seiten, 22 Euro.

