Das Leben vor dem Tod
Braunschweig Das Thema Altenheim erobert die Unterhaltungskultur – Abschied von der Verdrängung und vom Jugendwahn?
„Was ist zwanzig Meter lang und riecht nach Urin?“ Der alte Herr Tiedgen, gespielt von Otto Sander, zieht wie ein Reptil die schweren Augenlider hoch und blickt in die Runde. Niemand antwortet.
„Eine Polonaise im Altenheim“, sagt er dann. Niemand lacht.
Das ist eine Szene aus dem Spielfilm „Bis zum Horizont, dann links“ von Bernd Böhlich, der im Juli herauskam. Es geht um Altenheim-Bewohner. Einer davon ist Herr Tiedgen. Hören wir ihm weiter zu in seiner Ansprache an die Leidensgenossen: „Was bleibt uns denn außer Plätzchenbacken und Wassergymnastik? Nichts mehr. Wir haben die Suppe ausgelöffelt. Nun warten alle, dass wir den Löffel abgeben. Wir sind allen anderen lästig. Am meisten unseren Kindern. Unsere Kinder hassen uns, weil wir alt sind, und wir hassen sie, weil sie jung sind.“
Es handelt sich um einen Unterhaltungsfilm.
„Wir alten Leute sind
eine Naturkatastrophe“
Es mag Zufall sein, dass im August ein Unterhaltungsroman erscheint, der sich ähnlich illusions- und gnadenlos mit dem Altenheim auseinandersetzt: „Der Zwerg reinigt den Kittel“ von Anita Augustin.
Die Autorin lässt ihre Ich-Erzählerin Sätze sagen wie: „Dieser Laden ist eine Mülldeponie.“ Oder: „Wenn du auf alles nur sagen kannst: Ich kann es mir nicht aussuchen, dann bist du entweder im Gefängnis oder im Altenheim.“ Oder: „Wir alten Leute sind eine Naturkatastrophe.“
Wenn sie sich einer Schwester gegenüber entrüstet, dass von Inkontinenz und Demenz bei ihr ja keine Rede sein könne, antwortet diese jedes Mal: „Früher oder später...“, ohne den Satz zu vollenden.
Es geht weder im Film noch im Roman um das Anprangern besonders menschenunwürdiger Zustände. Im Gegenteil, es sind eher Heime der gehobenen Kategorie. Es geht auch nicht um Erfahrungsberichte verbitterter Greise. Die Autorin ist 42, der Regisseur 54.
Sondern es geht in beiden Fällen um das Sagen dessen, was ist. Gegen die Euphemismen, die Verschleierung, das verlogene Schönreden dessen, was Philipp Roth einmal in den Satz gemeißelt hat: „Das Alter ist ein Massaker“.
Im Film wird Angelica Domröse als neue Heimbewohnerin von der Leiterin mit einem sanft schmeichelnden: „Willkommen in einem neuen Lebensabschnitt“ begrüßt. Darauf antwortet sie mit Grabesmiene: „Es ist kein neuer. Es ist der letzte.“
Im Roman wird das „Anti-Demenz-Training“ umbenannt in „Kreativ-Workshop“. Die Autorin polemisiert gegen Hochglanz-Prospekte mit „Bildern von alten Frauen mit sympathischen Lachfalten, die sich Bälle zuwerfen“, gegen das Polit-Geschwafel von den jungen Alten, den aktiven, den kreativen, den coolen Senioren. Sie zitiert die zuständige Ministerin mit den wohlfeilen Worten, man müsse sich von der Vorstellung losreißen, Altsein sei ein Defizit, und das „Aktivitätsmodell des Alters“ dagegen setzen.
Dagegen steht in der Realität von Film und Buch die Entmündigung durchs Pflegepersonal, die körperliche und geistige Ermattung und schließlich, wie Otto Sander sagt, „das Warten auf den Tod von morgens bis abends“.
Die Jüngeren wissen, dass sie massenhaft alt sein werden
Dass das Thema Altern in den Fokus der Unterhaltungsindustrie gerät, ist angesichts des demografischen Wandels kein Wunder. Doch wird hier nichts, wie sonst üblich, beschönigt. Es ist eher ein Abschied von der Verdrängung des Alters – und vom Jugendwahn.
Spürbar wird die Angst der heute Mittelalten, die wissen, dass sie einmal unheimlich massenhaft – und sehr lange – alt sein werden. Und die wissen, dass sie von den Jungen dafür gehasst werden. Die Sorge einer rapide alternden, sehr diesseitigen Gesellschaft nicht um das Leben nach dem Tod, sondern um das Rest-Leben unmittelbar davor. Der Subtext lautet: Machen wir uns nichts vor, Freunde...
Doch sowohl im Film als auch im Buch gibt es eine Revolte. Die Alten verlassen sich nicht mehr auf die Politik, oder besser gesagt: Sie nehmen sie beim Wort, allerdings anders als geplant. Sie befreien sich rabiat selbst aus ihrer Duldungsstarre.
Wenn man aus diesen Befunden einen Trend ablesen kann, dann diesen: Seit 1968 hat sich der Mensch in der Revolte verändert. Damals galt das Aufbegehren als Vorrecht der Jugend. Die hat dazu inzwischen keine Zeit mehr. In Zukunft steht uns womöglich die Revolte der Alten bevor. Dazu legt die Roman-Autorin ihrer Altenheim-Heldin sogar ein der Studenten-Revolte entliehenes Zitat in den Mund: „Was lange gärt, wird endlich Wut!“



