Buchtipps zu Christian Kracht?
Braunschweig Kracht, einer der wichtigsten Schriftsteller der jüngeren Generation im Überblick
Literaturskandale gibt es nur noch selten: Als Maxim Biller seine Privat-Affäre mit "Ezra" ungeniert als Literatur verbreitete, als die 17-jährige Helene Hegemann in ihr "Axolotl Roadkill" allzu frei Berliner Clubszenen-Berichte eines anderen einmontierte.
Jetzt gibt's wieder einen. Der "Spiegel" unterstellte dem Schweizer Schriftsteller Christian Kracht eine "rassistische Weltsicht" und bezeichnet ihn als "Türsteher rechter Gedanken". Anlass: Krachts neuer Roman "Imperium".
Ich halte Kracht für einen der wichtigsten Schriftsteller der jüngeren Generation. Werfen wir einen kurzen Blick auf einige Werke:
"Faserland"
Der Roman aus dem Jahr 1995 gilt als ein Zentralwerk der Popliteratur. Aus der Irrfahrt eines emotional verwahrlosten deutschen Wohlstands-Söhnchens durch das Land des abwesenden Vaters spricht eine ungeheuer deprimierende Lieb- und Orientierungslosigkeit.
Es geht um das Hineingeboren-Sein in den materiellen Überfluss, das Sich-Verlieren in der reinen Oberfläche des Markenartikel-Fetischismus, es geht um die Selbstbetäubung im Raumschiff der Egozentrik durch Alkohol, Drogen, Sex und am Ende um den gewollten Ich-Verlust (dtv, 7,90 Euro).
"1979"
Um den radikalen Versuch, die Idee des westlichen Individualismus loszuwerden, geht es auch in dem Roman von 2001. Der Ich-Erzähler reist mit einem Ex-Freund nach Teheran, damals in den Wirren der islamischen Revolution. Als der Ex-Freund nach einem Drogenexzess stirbt, wird der Erzähler von einem mysteriösen Rumänen ermutigt, einen heiligen Berg in Tibet zu umrunden. Dort wird er von der chinesischen Armee aufgegriffen und unschuldig in einem Straflager interniert.
Der Dandy geht weder mitleidig noch engagiert durch die Drastik des Geschehens, sondern mit gespenstischem Fatalismus. Am Ende willigt er fast dankbar in die Entmenschlichungs-Methoden seiner Peiniger ein (Fischer-Taschenbuch, 8,95 Euro).
"Imperium"
Im Gegensatz zum lakonisch-apokalyptischen Duktus der beiden genannten Bücher kommt der neue Roman altmeisterlich daher. Es geht um die verbürgte Figur eines deutschen Fanatikers, der Anfang des 20. Jahrhunderts die Menschheit mittels Kokosnüssen erlösen wollte. Die Parallele zu einem anderen fanatischen Spinner jener Zeit, der freilich ungleich verheerender gewirkt hat, zieht der Autor selbst.
Auch dieser Roman beschreibt wie "Faserland" einen Untergang, hat wie "1979" einen provokativ antimodernen Zug. Aber daraus nun braunes Gedankengut zu destillieren? Eher handelt es sich wohl um die Farce zur Nazi-Katastrophe (Kiepenheuer & Witsch, 18,99 Euro).



