Buchtipps von Erwin Klein
Braunschweig Süditalien, New York, und eine Zeitreise: An diesem Wochenende sind wir büchermäßig gut unterwegs.
Aus Apulien in die Schweiz
„Zementfasern“ ist die Geschichte von Dominica Orlando, die in den siebziger Jahren als Kind mit ihren Eltern aus Apulien in die Schweiz geht. Ihr Vater arbeitet dort wie viele Süditaliener in einer Asbestfabrik. Sie erlebt ihre erste Liebe, wird schwanger, geht mit ihrer Familie zurück nach Apulien und zieht dort ihre Tochter allein auf. Jahre später erkranken und sterben all die Männer, die in der Schweizer Fabrik gearbeitet haben – Dominica und ihre Tochter machen sich auf, nachzufragen und die Schuldigen zu suchen. Eine tragische süditalienische Arbeitsmigranten-Geschichte, die sich an historischen Fakten orientiert. Erzählt in einer sinnlichen Sprache voller Düfte, Gerüche und dem Geschmack des Südens – beklemmend, komisch, verspielt und eindringlich. Das erste ins Deutsche übersetzte Buch des italienischen Schriftstellers Mario Desiati.
Mario Desiati: Zementfasern, Wagenbach-Verlag, 19,90 Euro.
Hausbesetzer in New York
Vier junge Menschen, zwei Männer, zwei Frauen, leben zusammen in einem besetzten Haus im New Yorker Stadtteil Sunset Park. Miles Heller, den der Unfalltod seines Bruders aus der Bahn geworfen hat, Alice Bergstrom, die sich mit ihrer Doktorarbeit verzettelt, Bing Nathan, ein politischer und ökologischer Träumer, und Ellen Brice, die seit einer Abtreibung unfähig ist, mit anderen zu kommunizieren. Sie alle suchen ihren Weg in einem Land, das in einer tiefen wirtschaftlichen, moralischen und gesellschaftlichen Krise steckt. Austers Buch ist düster und hinterlässt wenig Hoffnung oder Optimismus. Die Geschichte ist aus den Blickwinkeln der handelnden Personen zusammenmontiert, wie Filmschnitte wird das Leben im Haus bis zur gewaltsamen Räumung beleuchtet. Großartig geschrieben, wie fast alles von Auster.
Paul Auster: Sunset Park, Rowohlt-Verlag, 19,95 Euro.
Das Experiment mit der Zeit
„Etwas war anders, aber er wusste nicht, was.“ Ein typischer erster Suter-Satz, der sofort in sein neues Buch hineinzieht. Eine kleine Veränderung, eine unverhoffte Begegnung, eine scheinbar belanglose Ungereimtheit führt zu Verwicklungen mit unabsehbaren Folgen – das ist einer der Suter-Tricks, die in großartigen Romanen wie „Small World“, „Lila, Lila“, „Der letzte Weynfeldt“ bestens funktionieren. In „Die Zeit, die Zeit“ klappt das leider nicht mehr. Ein unaufgeklärter Mord führt zu einem pseudowissenschaftlichen, esoterischen Experiment, wie es abstruser nicht sein kann. Und – tödlich für einen Krimi – man ahnt schon nach etwa einem Drittel des Buches, wer der Täter ist. Zu allem Überflüssigen folgt auf den letzten beiden Seiten noch ein tragisch-verzweifelter Schluss-Gag, der so komplett misslingt wie das ganze Buch.
Martin Suter: Die Zeit, die Zeit, Diogenes-Verlag, 21,90 Euro.
