Buchtipps von Beate Hornack
Braunschweig Das Leben, die Kunst und ein literarischer Spaziergang durch London.
Frau mit Herz eines Caesar
Artemisia Gentileschi (1693 - 1753) war eine der berühmtesten Malerinnen der Barockzeit und die erste Frau, die in die älteste Akademie für Malerei Europas in Florenz aufgenommen wurde. Das Handwerk hatte sie bei ihrem Vater Orazio gelernt, dessen Werk „Die Dornenkrönung Christi“ im Besitz des Herzog-Anton-Ulrich-Museums in Braunschweig ist. Orazios Mitarbeiter Agostino Tassi vergewaltigte Artemisia, was sie für die Frauenbewegung des 20. Jahrhunderts interessant machte und sie der Vergessenheit entriss. Artemisia hatten es Frauengestalten angetan, biblische, mythologische, seltener real existierende. Sie arbeitete sich an den üblichen Sujets der Zeit ab, Judith und Holofernes, Susanna und die beiden Alten – aber sie tat es anders, sie tat es mit weiblichem Blick. Dieses Buch macht die Unterschiede zwischen ihr und ihren männlichen Zeitgenossen auch für den Laien erfahrbar.
Dagmar Lutz: Artemisia Gentileschi. Leben und Werk. Belser, 39,95 Euro.
Ein Maler aus Deutschland
Jürgen Schreiber hat sich einem dunklen Kapitel in der Geschichte der Familie Gerhard Richters gewidmet. Es handelt sich nicht um eine normale Biographie, sondern um eine Konfrontation Richters mit dem Euthanasie-Tod seiner Tante Marianne. Schizophren ist sie wohl gewesen, als „Jugendwahn“ wurde ihre Krankheit in der Familie schöngeredet. Aber egal, wie man es nennt, das Familiendrama spielte sich im Dritten Reich ab, und da war die Diagnose „Schizophrenie“ so viel wie ein Todesurteil. So starb Tante Marianne nach acht Jahren in den Mühlen der Psychiatrie am 16. Februar 1945. Gerhard Richter war gerade 13 Jahre alt. Gerhard Richter hat in den 1960er Jahren seine Tante porträtiert ebenso wie seinen Schwiegervater, einen Gynäkologen, der Zwangssterilisationen an sogenannten „Erbkranken“ während des Nationalsozialismus durchführte. 40 Jahre später wird Gerhard Richter sagen: „Meine Bilder sind klüger als ich.“
Jürgen Schreiber: Ein Maler aus Deutschland – Gerhard Richter. Das Drama einer Familie. Pendo, 22,50 Euro oder (als Taschenbuch) Bloomsbury, 11,99 Euro.
London literarisch
London war in diesem Sommer in aller Munde: das 60. Thronjubiläum der Queen, die Olympischen Sommerspiele und Paralympics. In einem kleinen Büchlein kann man nun 26-mal London durch die Brille von Autoren erleben. Den Anfang macht ein ausgelaugter Spaziergänger, der die ganze Stadt zu Fuß erobern will. Einzelne Stadtteile und ihre Bewohner werden vorgestellt. Kritische Reflexionen über das Kasten- und Klassensystem Großbritanniens führen uns zu Klagen darüber, dass Fußball heute nur noch ein Ausflugsziel für Vorstädter ist, und münden in dem Clash-Song „London Calling“.
London. Eine literarische Einladung. Wagenbach, 15,90 Euro.

