Wer ist hier Profi, wer ist Laie?
Salzgitter Eine große Ausstellung in Salzgitter-Salder konfrontiert etablierte Künstler mit Kunstschaffenden mit Behinderung der Lebenshilfe
Die Blumen und das Böse. Die ungewöhnliche Wahrnehmung. Das andere Denken. Die Lust, sich mitzuteilen. Bilder voller Entdeckungen, voller Erkenntnis, voller Freude an der Farbe und den Dingen.
Das alles zeigt die große Ausstellung „Geyso 20“ in der Kunstsammlung Salzgitter Salder. Sie wirkt wie eine kleine Documenta der etablierten Künstler und der Außenseiter – der Autodidakten mit Behinderung vom Kunstatelier der Braunschweiger Lebenshilfe.
Elf namhafte Künstler stellten eigene Werke zur Diskussion. Die Lebenshilfe-Konkurrenz griff die Themen auf, um mit Variationen zu reagieren. So wurde ein Dialog auf den Weg gebracht, in dem geistig Behinderte kompetent auf die Kunst der Profis reagieren. Das Resultat ist prächtig und ungewöhnlich. Intellektueller Qualität wird sinnlich fassbare Qualität entgegengesetzt.
Winfried Kostka bereichert die strengen Konstruktionen von Monkiewitsch durch leuchtende Farbigkeit und einige Pflanzen, während Reinhard Dittrich die tiefe Schwärze der Bildwerke in feinste Farbüberlagerungen verwandelt. Susanne Lauers Blumenparadiese sind das Pendant zu Hartmut Neumanns üppigen Bleistiftwucherungen. Auf Hans Weskers Installation der klingenden Blumentöpfe reagiert Dirk Geffers mit Bildern von einem eingetopften Magnolienwald. Die fruchtartigen Bildkörper Karl Möllers regen ihn zur Malerei eines schimmeligen Kirschkuchens an. Die große Bügeltisch-Installation von Franziska Rutz ergänzt Lutz Möller durch Piktogramme von Bügel-Gerätschaften.
Verblüffend ist die Zusammenarbeit von Thomas Bartels, dem erfindungsreichen Konstrukteur, und Thorsten Ruperti, der alles über Telefone weiß und auch das Böse der Technik in Texten beschwört. Auf Michael Kauls sensible Netzstrukturen reagiert Volker Darnedde erstaunlicherweise mit präzisen Landschaftsreihungen – in denen sich ein autofahrendes Monster versteckt!
Und dann tritt Darnedde im Video von Josefh Delleg als Rezitator auf, der den Dada-Texten eines Kurt Schwitters Paroli bietet. Da könnte man lange zuhören. Gemeinsam arbeiten Gerhard Scharnhorst und Murat Akay an einem Bild mit freiem Formspiel.
Besonders sehenswert ist seine Zusammenarbeit mit Robert Fischer, der den transparenten „Blauraum“ aufgreift, verdichtet und mit Schriftzeichen ergänzt. Was aber sind die Bilder gegen eine ganze Schlossbibliothek, die Marion Gülzow mit Mahalia Heydemann im Obergeschoss installiert hat! Eine naive Welt aus Fundstücken, Fantasie und Poesie, ein zauberhaftes Bühnenbild ist dabei herausgekommen. Wer ist da Profi und wer Laie?
Zusammenfassend gibt Matthias Beckmann einen Einblick in die Arbeit des Kunstateliers. Eine Woche hat er die Teilnehmer beobachtet und mit ihnen gezeichnet, was er sah, dazu eine Auswahl von Arbeiten aller Beteiligten zusammengestellt. Auffallend ist in allen Werken der Lebenshilfekünstler die Dichte der Gestaltung, die konsequente Strukturierung, die Ausdauer im Arbeitsprozess. Es gibt nichts Flüchtiges, Unfertiges.
Bis 29. Juli. im Schloss Salder , Di – Sa 10 – 17 Uhr, So 11 – 17 Uhr . Katalog: 20 Euro€.



