Und noch ein Schrei
Königslutter Eine Wanderausstellung mit junger Kunst zum Thema Erlösung startet in Königslutter
Ein unhörbarer Schrei quält sich aus dem aufgerissenen Mund. Man sieht Stimmbänder und Zäpfchen schwer arbeiten. Bis eine kleine Spieluhr den Schlund verschließt und eine fast vergessene Melodie klimpernd die Erlösung bringt. Danach wieder das stille Gesicht der Künstlerin. Surya Tüchler hinterlässt mit ihrem Video einen nachhaltigen Eindruck und das stärkste Werk der Ausstellung in Königslutters Malerkapelle.
„Verkündigung“ ist das Thema und 15 Künstler bieten ihre Interpretationen an. Es sind mehr die Seiteneinsteiger mit Installationen als die studierten Maler, die eigenwillige Ideen entwickeln: von einem Eichelhäher, der twitternd den Erzengel Gabriel zitiert (Philipp Kohnke), bis zu den Schriftzeichen im Sand, die im Außenbereich dem natürlichen Vergehen überlassen bleiben (Iris Selke). Von einem vorgefundenen Baumstück, das einer Vagina gleicht (Mi Ander), von der Säule mit Varianten zu Fra Angelicos „Verkündigung“ (Michael Ewen) bis zu dem kindlich anrührenden Video von Yingmei Duan, die streichelnd ihrem weißen Kaninchen eine Botschaft zuflüstert. Beuys war hier wohl Pate.
In der Kunst ist der Begriff „Verkündigung“ mit der biblischen Botschaft an die Jungfrau Maria ausgiebig belegt. Aber es gibt auch andere Verkündigungen.
So behandelt Jürgen Kuck die Weissagung des Ödipusschicksals. Das vieldeutige Werk evoziert mit Symbolik und braunvergilbter Farbigkeit den Historismus des 19. Jahrhunderts, setzt das Geschehen in den Kreuzgang des Königslutteraner Doms und rankt die Aussage um die Verkündigung „Kunst ist Liebe“.
Für Sylvie Monnin ist es der rasselnde Wecker, der den Träumer aus wortbestickter Bettwäsche treibt. Imke Kügler sieht die Verkündigung als Erwartung der Auferstehung nach dem Tod, dem stereotype Frauengestalten mit blinden Augen entgegenfiebern. Torsten Freye konzentriert sich auf den Liebesakt eines coolen Paars im Abendlicht, Wolfgang Barlang interpretiert die Empfängnis der Maria existenzbedrohend, während Klemens Fischer gemalte Medienporträts in unterschiedlicher Mimik anbietet, die vermutlich mit einer Verkündigung gleich welcher Art konfrontiert wurden.
Auch Werbesprüche und Graffiti sind Verkündigungen. Michael Röpsch weist sie in verfremdeten Fotos nach. Lisa Heissenberg, noch Studentin, sucht und experimentiert mit winzigen Radierungen unterschiedlicher Einfärbung des gleichen Motivs, lässt einen Anzugtyp mit Elchkopf auftreten, auch ein erforschendes Selbstporträt und schließlich einen spöttischen Text zur eigenen Religionserfahrung.
Alles ließe sich in die Verkündigung biegen. Eine Künstlerin fällt aus dem Rahmen: Heidi Burggraf aquarelliert ganz traditionsverbunden und überzeugend natürlich, was sie interessiert. Sie zeigt die Malerkapelle in duftig gemalter Natur zu allen vier Jahreszeiten, sie konzentriert sich auf diesen Ort, wo Kunst stattfindet, gleich welcher Art. Eine Verkündigung steckt in jeder kreativen Schöpfung.
Empfehlenswert ist der Katalog zur Ausstellung, der vom Förderkreis Malerkapelle herausgegeben wird und im Buchhandel für 9,90 Euro erhältlich ist. „Verkündigung“ ist bis zum 10. Juni in Königslutter zu sehen, anschließend als Wanderausstellung in der Braunschweiger Martinikirche, in der Nikolauskirche Lehrte und in der Marktkirche Goslar .

