Streichel-Attacken im Grünen Gewölbe von Dresden
Dresden Ausgesuchte Schätze des Herzog-Anton-Ulrich-Museums Braunschweig gastieren noch bis 3. Oktober in Dresden.
Hingegossen auf einen Felsen schlummert Endymion, der Hirte. Den Stab hat er locker zwischen die Beine geklemmt, der Kopf liegt seitwärts gekippt im Nacken, das Lendentuch ist weggerutscht, hat sich aber glücklich noch vorm Genital verfangen, so dass die Pose zwar immer noch reichlich einladend aussieht, aber nicht gleich alles zeigt.
Die strahlendweiße Elfenbeinfigur schimmert im Licht des neuen Dresdner Gewölbes. Wer hätte da nicht Lust, über die glänzend-glatte Oberfläche des wohlproportionierten Körpers zu streicheln. Balthasar Permoser, der Schöpfer des Objekts aus der sinnenfreundlichen Barockzeit, muss das geahnt haben. Und so hat er die Streichelattacke gleich mit geschaffen. Aus den Lüften schwebt Lady Diana herein – die griechische Jagdgöttin erscheint hier in ihrer Eigenschaft als Mondgöttin Selene und streckt die rechte Hand aus, um dem nackten Jüngling in den Locken zu kraulen.
Auch ihr droht das Gewand zu entgleiten, Brust und Beine sind schon freigelegt. Ein drolliger Putto, der uns den glänzenden Popo und die dicken Stamperbeinchen entgegenstreckt, hat alle Hände voll zu tun, die fallenden Stoffbahnen aufzufangen und so die totale Entblößung zu verhüten.
Es wird ihm nicht gelingen. Und der Legende nach ist es auch nicht beim Streicheln geblieben. 50 Töchter sollen Endymion und Selene gezeugt haben. Nacht für Nacht suchte die Göttin den schönen Hirten heim. Sie soll ihn in ewigen Schlaf versetzt haben, damit er ewig jung für sie bliebe – und wegrennen konnte er so auch nicht.
Die Doppelfigur ist nur über die Stoffbahnen und die ausgestreckte Hand miteinander verbunden, Selenes Tücher wehen vom Körper weg wie im Wind, dadurch scheint sie wirklich im Raum zu schweben.
Permosers Elfenbeinobjekt gehört zu den besonderen Schätzen des Braunschweiger Herzog-Anton-Ulrich-Museums. Und weil Permoser auch sächsischer Hofbildhauer war, ist das gute Stück nun Mittelpunkt der kleinen feinen Sonderausstellung der Braunschweiger im Sponsel-Saal des Dresdner Neuen Grünen Gewölbes. „Anton Ulrich zu Gast in Dresden“ heißt die Schau und setzt eine Reihe fort, bei der sich die Kollegen Augusts des Starken mit ihren Sammlungen in dessen Schatzkammer präsentieren.
Dazu sind auch Permosers Allegorien des Frühlings und des Sommers aus Braunschweig angereist: Madame Flora die aus dem Füllhorn schwellende Blumenfülle locker mit der Hand aufhaltend; Miss Summer mit der energisch in die Hüften gestemmten Hand auf vergangene Müh für ihr Ährenbündel hinweisend. Im Dresdner Grünen Gewölbe befindet sich noch ein anderes Jahreszeiten-Quartett Permosers, sehr viel verspielt-graziöser im Ausdruck. Nun kann man sie wieder im selben Gebäude vergleichen. Vermutlich hat Anton Ulrichs jüngster Sohn bei einem Besuch in Dresden die Braunschweiger Version gekauft.
Herzog Anton Ulrich wiederum ließ sich von Permoser porträtieren. Die lockenreiche Marmorbüste zeigt ihn mit merkwürdig verträumten Augen, während ihm die Perücke wie in einer energischen Kopfbewegung um die Ohren fliegt, so dass ein Teil nach hinten über die Schulter, der andere vorn quer über die Brust fällt.
Von dem berühmten Dresdner Hofgoldschmied Johann Melchior Dinglinger hätten die Braunschweiger auch ein Prachtwerk zeigen können: den mit Edelsteinen und Kleinskulpturen besetzten „Mons Philosophorum“ über die Alchimie. Leider wurde er in einer Schuldenkrise Ende des 18. Jahrhunderts demontiert und eingeschmolzen. Die Dresdner haben den vergleichbaren „Apis-Altar“ und den „Hofstaat zu Delhi“, ein Minitheater voller Schmuck und Edelsteine herbeischaffender Kleinfiguren, erhalten!
Braunschweig prunkt dagegen nun in Dresden mit einem Mann aus Böttger-Steinzeug, Vorläufer des Porzellans. Böttger-Figuren sind in Dresden nicht präsent. Eindrucksvoll auch die Lindenholzfiguren von Adam und Eva, die Leonhard Kern nach dem Sündenfall verzweifelt getrennte Wege gehen lässt.
Adriaen de Vries ist mit dem bronzenen Reiterstandbild Herzog Heinrich Julius’ vertreten. Frisch restauriert glänzt die Allegorie der Gerechtigkeit im Tiefblau und Lila des limousiner Maleremails. Beispiele für die exzellenten Sammlungsbestände in Braunschweig, die sich den (üppigeren) des Grünen Gewölbes ebenbürtig einpassen.
„Der Dresdner Direktor Dirk Syndram gehört zum Kuratorium für die Neueinrichtung des Herzog-Anton-Ulrich-Museums und kennt unsere Bestände. Außerdem versteht er sich gut mit unserem Direktor Jochen Luckhardt, so kam es zu der ehrenvollen Einladung“, erklärt uns der Braunschweiger Kustos Alfred Waltz.
Bis 3. Oktober im Neuen Grünen Gewölbe in Dresden. Täglich außer dienstags 10-18 Uhr.
