Nachts, wenn der Schamane erwacht...
Braunschweig Die Ausstellung „Tabu“ in Hannover zeigt die Jenseits-Bindung vormoderner Gesellschaften in aller Welt
Das Tollste ist der Derwisch. Ein echtes Kostüm aus Sibirien aus dem 17. Jahrhundert. Einzigartig auf der Welt. Rentierleder. Mit Fransen. Die waren aber kein Schmuck wie bei den Großstadtcowboys unserer Tage, sondern symbolisierten in ihrem Flattern beim Tanzen Federn, die wiederum auf die Vögel verwiesen, die Boten der oberen Welt.
Der Derwisch hatte dazu noch eine Maske, kleine Figürchen, stilisierte Geweihe, Schlangen, Fische, Spiegel, Glocken, Schellen am Gewand. All das diente der Steigerung der Ekstase und der Abwehr böser Geister. Im Museum tritt uns der alte Schamane aus einer Spiegelwand grimmig-geheimnisvoll entgegen.
Man wünscht sich nicht, zu Mitternacht dort zu sein. Wenn der dann plötzlich seinen Veitstanz anfängt, würde uns das nicht wundern, aber mächtig gruseln.
„Tabu“ heißt die neue Landesausstellung im hannoverschen Landesmuseum. Zu sehen sind ethnographische (früher sagte man: volkskundliche) Sammlungen aus Hannover, Braunschweig, Göttingen und Hildesheim. Weltumspannend.
Der Begriff stammt aus Polynesien, wurde vom Forschungsreisenden James Cook (1728-1779) in die alte Welt gebracht. Er übersetzte die Silben „ta pu“ mit „verboten“. Das bedeutet dieses Wort heute noch. Tabu meint freilich auch: unhinterfragt, unantastbar, die stillschweigende Übereinkunft einer Gesellschaft darüber, was geht und was nicht.
Machen wir uns nichts vor: Da wurde allerlei Mummenschanz aus den Depots geholt, gründlich entstaubt und dann mit einem attraktiven Etikett versehen. Dennoch ist die Schau mit dem Untertitel „Verborgene Kräfte – Geheimes Wissen“ sehr sehenswert. Denn sie zeigt, wie stark die Kulturen der Welt in vorglobalisierten Zeiten im Banne des Unsichtbaren standen. Götter, Geister, und vor allem: die Toten hatten eine Macht, die es mit allerhand Masken, Fetischen, Talismanen, Amuletten, Waffen, Instrumenten, Gewändern und Ritualgegenständen zu bannen, gnädig zu stimmen, bei Laune zu halten oder zum eigenen Nutzen zu beeinflussen galt (wo ist sie hin, diese Macht?).
Die Ausstellung verströmt in ihrem raffinierten Aufbau eine fast sakrale Aura, eine faszinierend sinnliche Ahnung von einem verlorenen, völlig anderen Begreifen der Welt.
Da gibt es ein ganz seltenes, kostbares, mit silbrig schimmernden Muscheln verziertes Gewand eines Totenbegleiters aus Tahiti. Der „Trauermann“ verkörperte die Geister, die den toten Häuptling auf seiner Seelenreise in die mythische Urheimat begleiteten. Immer, wenn ihm jemand zu nahe kommt, ertönt im Museum ein Muschel-Klappern. Damit warnte der Priester, der in dem Kostüm steckte, Menschen, die dem Toten zu nahe kamen.
Da gibt es gewaltige afrikanische Schnitzereien, in denen die Geisteskräfte der Verstorbenen aufbewahrt werden sollten. Da gibt es schaurige Kriegsmasken aus den roten und gelben Federn eines winzigen Vogels aus Hawai. Überhaupt, die Federn: Nicht nur beim Derwisch vermitteln sie unsere Welt mit der höheren Sphäre der Götter und Geister. Prachtvoller Kopfschmuck aus den Federn von Papageien aus Brasilien zeugt davon.
In den fernöstlichen Kulturen hingegen galt es, kurz gesagt, zur inneren Ruhe zu kommen, sich in die Harmonie des Kosmos einzufinden. Da finden sich goldene Göttinnen, wunderbar bemalte Porzellane, Stickereien und Glockenspiele.
Rausschmeißer der Schau ist eine Abteilung, in der das Tabu ins Heute verlängert wird. Der ist aber erschreckend banal. Allzu viel, so scheint es, fällt uns modernen Menschen nicht mehr ein zu dem Thema.
