Malen wie ein alter Römer
Wolfenbüttel Die Herzog-August-Bibliothek zeigt eine Ausstellung über den vielseitigen Barock-Künstler Joachim von Sandrart
Zur Zeit des Barock ist Joachim von Sandrart ein begeisterter Sammler: Er sammelt Skizzen antiker Kunstwerke in Rom, Biografien niederländischer Maler, kunsttheoretische Schriften. Diese ergänzt er mit eigenen Malereien und Kupferstichen. Seine sinnlichen Aktstudien zeichnen sich durch Lebendigkeit aus. Er zeigt die Gefühle seiner Figuren durch ein fein abgestuftes Minenspiel und bettet sie in arkadische Landschaften ein.
Wie kaum einem Künstler seiner Zeit ist es dem Kaufmannssohn Sandrart (1606-1688) möglich zu reisen. Er fertigt Reproduktionen von Gemälden an, übersetzt Ratschläge zu Farbgebung und Perspektive, macht die Lebenswege und Wirkstätten europäischer Künstler bekannt.
In der „Teutschen Academie“ zeigt sich sein Ansinnen, nicht nur eine Malschule anzubieten, sondern Wissen aus den Gebieten Architektur und Bildhauerei enzyklopädisch zu bündeln. Mit dem dreibändigen Werk gibt er die erste Kunstgeschichte in deutscher Sprache heraus. Rund hundert Jahre vor Lessings „Laokoon“ unternimmt er Betrachtungen zum Zusammenspiel der Künste.
Deutschland hat unter dem Dreißigjährigen Krieg stark gelitten. Der einsetzende kulturelle Wiederaufbau soll den Frieden sichern. Bilden und ergötzen, heißt die Devise. Schließlich ist Sandrart davon überzeugt, dass die heimische Malerei sich die Antike zum Vorbild nehmen müsse, wolle sie zu neuer Blüte gelangen.
Noch bis zum 24. Februar zeigt die Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel die Ausstellung „Unter Minervas Schutz“. Die wissenschaftliche Bibliothek setzt einen Schwerpunkt auf Barockforschung. Sie zeigt viele Originale und widmet sich auch dem literarischen Kreis der „Fruchtbringenden Gesellschaft“, die nach der Kirchenspaltung eine protestantische Allianz formieren wollte.
Ob Texte oder Bilder, die Exponate zeigen deutlich, mit welcher Leichtigkeit Sandrart arrangiert und inszeniert: Während es dem Archäologen Ole Worm bei seiner in Wolfenbüttel gezeigten Darstellung zweier florentinischer Hörner auf deren opulente Verzierung ankommt, genügt es Sandrart nicht, sie zweidimensional abzubilden: Er bettet sie übergroß in eine malerische Ruinenlandschaft ein, die er einem weiteren Werk des dänischen Künstlers entlehnt.
Sandrart bildet seinen Neffen Jacob in Kupferstecherei aus. Dessen Verlegertätigkeit findet vorwiegend in Nürnberg statt, dem damaligen Zentrum deutscher Druckgrafik. 1662 wird dort die erste Malerakademie Deutschlands gegründet, Jacob leitet sie. Zehn Jahre später legt Joachim den Grundstein für eine weitere in Augsburg. In den Akademien trifft die Ästhetik des Barock auf den Bildungsgedanken der Aufklärung.
Fünf Jahre lang haben Forscher um die Historikerin Anna Schreurs eine Online-Edition der „Teutschen Academie“ erarbeitet. S wird in Zukunft von der Bibliothek betreut.

