Magisches, manisches Asien
Braunschweig Experimentalfilmer Michael Brynntrup zeigt in der Galerie der Braunschweiger Kunsthochschule unter dem Titel „Gelbfieber“ Foto- und Videoarbeiten.
Das muss man erstmal hinbekommen. Eine Serie von Fotografien, geschossen in China – und weitgehend menschenfrei.
Erst auf den zweiten Blick entfalten die scheinbar drögen Motive ihren Reiz: ein dürrer Strommast, der ein überbordendes Gewirr von Leitungen, Transformatoren und wieder neuen Kabelsträngen stemmen muss. Ein Wasserrohr, das unvermittelt aus einem Gehsteig auftaucht wie Nessie aus dem Loch Ness, und in elegantem Bogen wieder unterm Pflaster verschwindet.
Michael Brynntrup beweist mit diesen – formal und technisch unspektakulären – Schnappschüssen ein gutes Auge für Motive, die den Charakter des neuen Chinas auf den Punkt bringen: Mitten im Alten wuchert die Moderne so ungebremst und scheinbar regellos wie Pilze nach einem tropischen Regen.
Neben Fotos zeigt Brynntrup, 52, Professor für Videokunst an der HBK Braunschweig, Experimentalfilmer und Asien-Reisender, in der Ausstellung „Gelbfieber“ auch Videoarbeiten. „Südkorea Trance“ zeigt meist ältere Menschen, die auf einem Platz rituelle Tänze aufführen: munteres Gewusel zu ohrenbetäubendem Rhythmus-Geschepper. Für westliche Augen: Chaos pur.
Rund um die Tanzenden geht der Alltag seinen Gang, Passanten schließen sich an und verlassen den zuckenden Haufen wieder. Die trancehafte Wirkung, verstärkt durch repetierende Schnitte Brynntrups, entsteht durch das Ineinsfallen von Immergleichem und ständigem Wandel – wie beim Starren ins Feuer oder auf einen Bienenstock.
Highlight der Ausstellung ist die Video-Klang-Installation „Totale Mondfinsternis über dem Meer“. Gegen die Dämmerung hebt sich der Schattenriss eines halbnackten Jungen ab, der stoisch angelt, ungerührt vom Verschwinden des Mondes und vom Brodeln des Pazifiks, dessen Urgewalt sich auch akustisch mitteilt: Umtost von allen Seiten, erleben wir den Film in einer Kabine. Ein starker Eindruck und ein schönes bewegtes Bild für die Gelassenheit derer, die mit einer Natur leben, die noch Wunder, Lebensquell und Bedrohung zugleich ist.
Die Ausstellung läuft bis zum 22. Juni, Mo.-Fr. 13-18 Uhr, Do. 13-20 Uhr.
