Gemalter Maler malt malerische Punkte
Salzgitter Irritationen der Wirklichkeit – Der Salon Salder in Salzgitter zeigt neue Kunst aus Niedersachsen
14 Eisblöcke liegen nebeneinander auf dem Boden. Noch sind sie schön. Doch Pfützen verbreiten sich unter ihnen. Werden sie die Ausstellung überdauern?
Mei-Shiu Winde-Liu aus Taiwan hat die Eisblöcke geschaffen. Sie sind aus Glas geformt und werden nicht schmelzen – obwohl...? Immer wieder steckt die sichtbare Welt voller Irritationen. Das dokumentieren wieder die Künstler im Salon Salder, der jährlich Neues aus Niedersachsens Ateliers vorstellt.
Zwölf Künstler untersuchen Aspekte, die oft banal vertraut sind und plötzlich traumatische Züge offenbaren. Wirklichkeit und Fantasie werden eins. Wenn Lars Eckert in feiner Malerei eine grau-weiße Rastplatzszene mit Imbissstand und Publikum darstellt, so glaubt man, Beziehungslosigkeit und Leere mit psychischem Unbehagen zu spüren.
Ähnlich reagiert man bei Volker Blumkowski, obwohl die Handwerker auf seinen Leinwänden bilderbuchmäßig agieren und alles so real erscheint. Etwas stimmt nicht. Bei Rolf Bier stimmt zwar alles, aber die Bildausschnitte des Zyklus „Camp“, so knapp sie sind, lassen auf ein Straflager schließen. Oder Anette Ziss, deren Märchenmalerei den Waldboden so dicht verfilzt, dass Verwesungsgeruch herüberweht.
Was auffällt: Sehr sorgfältig erarbeiten alle ihre Themen. Improvisiert wird nicht, individuelle Handschrift, Spontanität und Bauchgefühl sind out. Alles wird aufwendig und teuer in Form gebracht. Zum Beispiel Johanna Smiatik. Sie arbeitet mit weiblicher Raffinesse, sinnlich und intellektuell zugleich. Rot ist ihre Farbe und spiegelnd glatt sind die Oberflächen. Ästhetik pur. Lippenstifte, so groß wie Wolkenkratzer beginnen erotisch zu vibrieren, wenn man sich ihnen nähert. Glamour beschwört ein funkelnder Tabernakel. Ein Motor heult auf, wenn man in die Nähe eines Außenspiegels kommt. Perfektionierte Fantasie.
Perfektion auch in der Fotografie. Ria Röder strebt Abstraktion an. In leuchtenden Farben belichtet sie Gegenstände auf dem Fotopapier und setzt das Verfahren so in Szene, dass die Gegenstände sich in Lichtgebilden auflösen. Dagegen meidet Bernd Uhde die Farbe und liebkost den Gegenstand: alles im Schnee und alles aus der Vogelperspektive.
Kleine Formwunder bilden Bäume, Autos, Traktorspuren im Schnee, wenn man sie aus der Luft betrachtet. Oliver Godow geht durch die Großstadt und bemerkt Banalitäten, die in einem fotografischen Form-und Farbspiel das Unbekannte ins Zentrum rücken.
Umfangreich ist die Multimedia-Installation von Christine Schulz, eine Bastelei aus fragilen Schilfrohrstützen, Baukörpern, Beamern und Naturaufnahmen, benannt nach dem provençalischen Berg „Ventoux“. Alles erscheint provisorisch, steht aber den Denkkonstrukten anderer Künstler nicht nach.
Den heiteren Schluss liefert Bernd Giering: ein fröhlich farbiges Schattentheater. Seine Leinwand gleicht Platons Projektionsfläche, auf der sich Lebewesen spielerisch begegnen und transparent überschneiden.
Bis 4. November in Schloß Salder, Di – Sa 10 – 17 Uhr, So 11 – 17 Uhr.



