Endstation Dockland – Gerd Winners London-Bilder
Braunschweig Eine Ausstellung in der Braunschweiger Sparkasse Dankwardstraße versammelt Werke aus den 1970er Jahren. Sie künden von existentieller Verlassenheit.
Menschen gibt es nicht auf Gerd Winners Bildern, kein Hund läuft um die Ecke, kein Unkraut blüht. Trotzdem sieht man das detailgenaue Mauerwerk an den Backsteinfassaden der alten Londoner Werftgebäude, sieht man schwarzes Schattenraster in den Fensternischen, die Kettenglieder eines Flaschenzugs. Dann wieder löst sich Straßenpflaster in eine feinkörnige Sandstruktur auf, sind Speichertüren nur ein roter Farbfleck, U-Bahn-Schächte ein schwarzer Schlund.
So changieren Winners Mischtechnik-Bilder merkwürdig zwischen zunächst realistischer Anmutung und dann doch künstlicher Entrückung. Und sie ziehen den Betrachter als einzig Lebendigen hinein in diese surreale Welt.
Faszinierend kommen Winners Bilder der schon verlassenen und inzwischen größtenteils abgerissenen Londoner Docklands aus den 70er Jahren in der Ausstellung in der Braunschweigischen Landessparkasse zur Geltung. Hier ist Raum, Höhe, Licht. Und meist eben auch die Leere, die man als Betrachter um sich herum braucht, damit man das existentielle Erlebnis, das Winner erfasst, spüren kann.
Da biegt eine Straße ins Nirgendwo, flankiert von geschlossenen Mauern, auf der natürlich linken Fahrbahn die Warnung „Slow“ – langsam fahren. Das Bild gibt es in mehreren Versionen, in denen die Verfremdung zunimmt, wie bei einem überbelichteten Foto oder unter Nebel die Situation zu verschwimmen beginnt. So wird diese Straße ein Sinnbild des Lebens, dessen Ziel man nur ahnen kann, mit dem Mahnruf des Memento Mori, der ein langsames Auskosten des gelebten Augenblicks betont. Und den Betrachter, der in diese Straßenschlucht hineingezogen wird, überkommt das Gefühl grundsätzlicher Verlassenheit. Diese Welt hat nichts Bergendes, man suche es denn in einer metaphysischen Sinnstiftung.
Winner, der überzeugte Katholik, in Braunschweig geboren und mit seinen Bildern in allen wichtigen Sammlungen der Welt vertreten, bezieht sich dabei gern und sichtbar auf die Begegnung mit dem Werk des Surrealisten Giorgio de Chirico auf der ersten Kasseler Documenta.
Noch etwas anderes habe ihn bewegt, erzählt er bei der Vorbesichtigung. Die Hauptstraße im alten Dockland war die Thomas-Morus-Straße, gewidmet dem vom König hingerichteten ehemaligen englischen Lordkanzler. Sein papsttreues Gewissen hatte ihn politisch missliebig gemacht. Ähnlich stand Luther vor dem Reichstag zu seiner Glaubensauffassung. Winner ist da nicht kleinlich, ihm geht es um den Ausdruck von Lebenssituationen, in denen nur noch das Gewissen zählt.
Das ist sicher nicht auf jedem Bild so spürbar wie auf „Slow“. Aber gerade die Leinwandarbeiten mit ihrer körnigen Oberfläche, die den Bildern unabhängig von den malerischen Bearbeitungen und dem Glanz der Siebdruckschablonen ein distanzierendes Feinraster gibt, unterstützen den überwirklichen, quasi surrealen Eindruck dieser Geisterstadtlandschaften.
Das ganze geschäftige Treiben – des Hafens damals, der Industrie- und Bankenstadt heute – kann im Nu überblenden in solche Verlassenheit. Und dann steht die kleine Menschenseele ganz allein da mit sich selbst und womöglich einem großen Gott. Dafür schärfen Winners Bilder die Sinne.
Bis 12. Oktober in der Landessparkasse BS, Dankwardstraße, Mo. 9-16, Di. und Do. 9-18, Mi. und Fr. 9-13 Uhr.
