Einmal quer durch den Betrieb
Hannover „Made in Germany“ – Die große Schau aktueller Kunst in drei Hannoverschen Ausstellungshäusern bietet wenig Spektakuläres
Das scheint zur Tradition zu werden. Während die Kunstwelt alle fünf Jahre auf die Weltkunst in Kassel schaut, etabliert sich nun schon zum zweiten Mal eine Gegenveranstaltung zur documenta. In Hannover: Made in Germany. Groß angelegt, über 40 Künstler in drei Häusern: dem Sprengel-Museum, der Kestner-Gesellschaft, dem Kunstverein. Einziges Kriterium: Die Künstler müssen in Deutschland arbeiten.
Ein fragwürdiges Kriterium. Klar: So etwas wie eine deutsche Kunst gibt es nicht mehr. Die Szene ist global, die Sprache international.
So aber gerät die Schau in Hannover in die Beliebigkeits-Falle. Da mögen die Kuratoren im Katalog noch so angestrengte Sätze formulieren wie: „In Form von netzartigen Referenzsystemen oder narrativen Strukturen werden Material und Medium, Raum, Zeit und Geschichte vor dem Hintergrund der Gegenwart befragt.“
„Netzartige Referenzsysteme“ heißt: Jeder Künstler bezieht sich auf andere Künstler, Philosophen, Wissenschaftler. „Narrative Strukturen“ heißt: Die Künstler wollen nicht nur etwas zeigen, sondern damit eine Geschichte erzählen. „Vor dem Hintergrund der Gegenwart“ ist Unsinn: vor welchem denn sonst?
Insgesamt besagt der Satz einen Umstand, der keineswegs neu ist, sondern gängige Praxis in der heutigen Kunstproduktion. Spektakuläre oder gar provokative Momente bleiben in Hannover aus.
So liegt die Stärke der Schau weniger in den Großobjekten. Zwar baut Simon Fujiwara im Kunstverein eine ganze Regalwand auf, um nach einem gewissen Theo Grünberg zu fahnden. Dirk Dietrich Hennig wuchtet in die Kestner-Gesellschaft eine kafkaeske Raumflucht, in der ein Pappmaché-Mann in bleicher Einsamkeit Zeitungsschnipsel zu Collagen fügt – ein psychisch kranker Künstler. Da wird großer Materialaufwand betrieben – für relativ einfache Geschichten.
Subtiler dagegen etwa die Video-Erzählung von Kathrin Sonntag. In einem langsamen Schwenk durch ein Arbeitszimmer mit scheinbar zufälligen Details wie einem umgeschütteten Glas mit schwarzer Flüssigkeit, Schachbrett, Münzen, Apfelkernen, einer Teetasse entfaltet sich eine latent unheimliche Geschichte im eigenen Kopf, die man gern ergründen würde.
Oder die Bilder von Sven Johne, der öde Dorfplätze zeigt, auf denen bis eben noch ein Zirkus war. Oder die Videos von Keren Cytter, die in merkwürdigem Auseinanderfall von Bild und Dialog vermeintlich Alltägliches in gegenläufige Richtungen treiben. Oder die Film-Installation von der auch in Braunschweig bekannten Rosa Barba – ein Projektor, der an einer Filmschleife hängt, die er leicht vibrierend an die Wand wirft – ein melancholischer Leerlauf, aber doch irgendwie animiert.
Auf anregende Weise schillern die Objekte und Gemälde von Benedikt Hipp in einem eigenen Raum des Kunstvereins zwischen konkret und Abstrakt, zwischen bizarrer und poetischer Fantasie. Schön auch die im Kunstverein hängenden Pendel von Alicja Kwade. Auf den ersten Blick sehen sie alle gleich aus, doch es sind lauter ganz verschiedene Uhrengewichte. Da wird der Raum ganz leis zur Zeit. Zart auch die Licht-Reflexionen Susanne Winterlings. Die brutal stürzenden Kabel von Marcellus hingegen machen übelst schwindelig. Wechselbäder. Muss ja nicht gleich selbstgemachte Cola sein, wie bei Mike Bouchet.
So läuft der Betrieb Kunst immer weiter, netzartig, narrativ, aber auch sehr selbstreferenziell. Vulgo: im eigenen Saft.
Bis 19. August, täglich außer montags 12-18 Uhr.
