Der kleine Nick sieht New York
Hannover Zeichnungen aus Privatbesitz zum 80. Geburtstag des Cartoonisten Jean-Jacques Sempé im Wilhelm-Busch-Museum Hannover.
Am liebsten haben wir natürlich den kleinen Nick. „Le petit Nicolas“ amüsiert sich mit seinen Kumpels beim Raufen auf dem Schulhof, versucht aber zu Hause brav zu sein, denn auf keinen Fall will er seine Maman unglücklich machen, die unter dem Ungeschick ihres Gatten schon genug zu leiden hat. Aber irgendwie gelingt das dem kleinen Nick meistens fehl.
René Goscinny hat diese Geschichten in den 60er Jahren ersonnen, und kongenial illustriert hat sie Jean-Jacques Sempé. Seine Figuren sind vor allem Nase, die Augen führen ein Eigenleben, die Konturen sind karg gestrichelt, Aquarellfarbe sorgt großzügig und nicht immer konturgenau für Stimmung. Zum 80. Geburtstag hat das Wilhelm-Busch-Museum zahlreiche Werke aus Sempés Atelier für eine zauberhafte Schau nach Hannover entliehen.
Da platschen sie also lustvoll unter Regenfäden auf dem Schulhof herum, Nick und seine Freunde, während draußen vorm Tor die überbesorgten Eltern mit Regenschirmen und Jacken warten. Zwei Welten, wie immer unvereinbar.
Sempés Titelseiten für das Magazin „New Yorker“ zeigen die Widersprüche des modernen Großstadtlebens. Da sieht man etwa in dem einzigen beleuchteten Fenster einer Hochhauslandschaft ohne Straßen einen einsamen Radfahrer auf seinem Heimtrainer. Zwischen den riesigen Leuchtreklamen schraubt ein Mann eine neue Glühbirne in seine Mansardenkammer-Lampe.
Selbst sein geliebtes Paris, wo Sempé arbeitet, ist nicht mehr vor Zivilisationsauswüchsen gefeit: Pfiffig nutzt ein Mann auf dem Balkon die sonnige Lücke zwischen den Schattenwürfen der Nachbarhäuser.
Sempé karikiert die französische Gutbürgerlichkeit liebevoll. Selbstzufrieden raucht der rundliche Herr des Hauses nach dem Kaffee auf dem Balkon seine Zigarre. Unter dem mächtig hohen Fenster hat ein winziges Mädchen seine Geige ausgepackt und muss sich vor dem gestrengen Professor am bunkerartigen Flügel bewähren.
Faszinierend sind vor allem Sempés Wimmelbilder. Wie viele Nasen er da akribisch aufs Blatt setzt und dynamisch verdichtet zur Massenkundgebung. Oder zu einer Pariser Straßenkreuzung mit vorbeihechtenden Passanten. Da kann man den Leuten in der Bar auf den Teller gucken! Ein detailreiches Universum; taucht man tief genug, entdeckt man den verträumten Straßenfeger: Die Poesie wahrt ihren Platz bei Sempé.
Bis 23. September, Di.-So. 11-18 Uhr.
