Auf dem Weg zur Abstraktion
Quedlinburg Großartige Holzschnitte Lyonel Feiningers und Grafik Wassily Kandinskys ist in der neuen Sonderschau der Feininger-Galerie in Quedlinburg zu sehen.
Sie ist wieder da, die Feininger-Galerie in Quedlinburg, genährt von den großartigen Beständen an expressionstischen Schlüsselwerken, die der Sammler Hermann Klumpp zusammentrug und über die Nazi-Zeit rettete. Neue Brandschutzmaßnahmen und drohende Etatkürzung durch den Landkreis sind überstanden, das feine kleine Museum darf weiterglänzen.
Wer an den Schulen der Region gerade Expressionismus lehrt, sollte sich dringend aufmachen an den östlichen Harzrand. Die aktuelle Ausstellung lässt am Werk Lyonel Feiningers anschaulich werden, wie sich die Künstler auf der Suche nach einem „Sinnbild höherer Wirklichkeit“, so der Titel, immer weiter von der natürlichen Darstellung entfernten und zur Abstraktion aufbrachen.
Mit Feininger kann man da bei seinen Karikaturen starten, in denen er die Wirklichkeit mit spitzer Feder auf wesentliche Linien reduziert, doch bleibt sie wiedererkennbar. Die Menschen in ihrer schrulligen Verzerrung geraten im Gassengewirr einer Kleinstadt unter dem bedrohlich alles überspannenden Eisenbahnviadukt zu höhnischen Kleingeistern, diese Radierung führt direkt zum Kabinett des Dr. Caligari.
Doch Feininger ging es um mehr als Gesellschaftskritik. Spannend ist das nachzuvollziehen an seiner wiederholten Auseinandersetzung mit denselben Bildmotiven. „Das Tor“ gehört 1911 noch zu einem freundlich karikierten Marktplatz. In der Radierung von 1912 ist es der bildbeherrschende Bau unter heller Sonne, der Himmel ähnlich schraffiert wie die Lichtwirkungen auf dem Gebäude. Da herrschen gleiche Energien, doch auch hier ist die materielle Wirklichkeit noch klar und wiedererkennbar unterschieden.
Der Holzschnitt von 1918 vereinfacht die Körper dagegen zu schwarzen Massen: das Torgebäude mit dem gähnenden Durchlass und die ebenfalls schwarze Sonne wie eine Spinne am hellen Himmel.
Im Holzschnitt von 1921 sind die Flächen wieder aufgelöst, allerdings nicht in realistische Licht-Schattenwirkungen, sondern in Prismen und Strahlen, die auch den ganzen Himmel durchziehen und so ein Netz kosmischer Verbundenheit über das Bild werfen.
Die kleine Waldkirche aus Feiningers Braunlage-Aufenthalt oder die kreuzenden Segelschiffe von der Ostsee befinden sich in ähnlicher überwirklicher Struktur. Und darin können sich die Objekte zuletzt fast ganz auflösen wie die gestapelten Häuschen von Mellingen, der Frauenkopf oder die Kirche Gelmeroda.
Den Endpunkt dieser Abstraktion auf transzendente Zusammenhänge belegt das Werk von Feiningers Bauhaus-Freund Wassily Kandinsky, das mit wunderbaren Lithografien in der Ausstellung präsent ist.
„Ein Sinnbild höherer Wirklichkeit“ geöffnet bis 1. Juli Di.-So. 10-18 Uhr. Katalog: 15 €. Infos: (03946) 6 89 59 30.

