Fotos, die Geschichte anders erzählen

Braunschweig  Ausstellung des Künstlers Arno Gisinger im Foto-Museum Braunschweig

Für Arno Gisinger ist Braunschweig nicht nur die erste Station seiner vierteiligen Ausstellungsserie mit dem griechischen Namen „Topoï“, zu deutsch „Orte“, die gestern im Museum für Photographie eröffnet wurde. Der österreichische Künstler hat auch einen Teil dafür in der Löwenstadt erarbeitet.

Im Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung wurde Gisinger fündig. Dort analysierte er Bücher des damaligen Historikers Walther Gehl. Aus seinen Fotos von den Seiten verschiedener Ausgaben eines Gehl-Werkes von 1928, 1931, 1933 und 1940 lässt sich anhand der dort abgebildeten Illustrationen der Wandel des Geschichtsverständnisses ablesen.

Seit rund 15 Jahren beschäftigt sich Gisinger bereits mit der Frage, wie die Fotografie eine andere historische Erzählung in Gang setzen kann, als es die klassische Geschichtsschreibung vermag. Diese Frage wird auch bei der Serie Cù Chi deutlich, die 2007 in Ho Chi Minh Stadt in Vietnam entstanden ist und ebenfalls in Braunschweig zu sehen ist.

Die Bilder vermitteln nicht nur einen Eindruck von einer Gedenkstätte, die den Widerstand der Vietkong gegen die amerikanischen Truppen während des Vietnamkriegs zum Thema macht und an der die Grenzen zwischen historischer Wirklichkeit und Inszenierung verschwimmen. Gisinger hat auch Veteranen porträtiert. „Ich habe früher viele Filme über diesen Krieg gesehen. Die Vietkong hatten nie ein Gesicht, nie eine wirkliche Identität“, sagt der Künstler. Mit seinen Fotos hat er dies nachgeholt.

Gänzlich neu in Szene gesetzt wird im Museum für Photographie Gisingers Werk „Invent arisiert“. Der Österreicher hatte für dieses Werk rund 650 Einrichtungsgegenstände aus dem Wiener Hofmobiliendepot fotografiert. Die Gegenstände stammen aus der Enteignung jüdischen Besitzes ab 1938 und sollten an die rechtmäßigen Erben zurückgegeben werden. Vorher bildete Gisinger sie ab – für Braunschweig wurden die Aufnahmen in eine Projektion überführt.

In gewisser Weise ist diese Form der Darstellung sinnbildlich für Gisingers Verhältnis zum Foto als Kunstobjekt. „Die Fotografie hat in den vergangenen Jahren als Kunst unheimlich an Wert gewonnen“, sagt er und erinnert an Millionengagen für einzelne Aufnahmen. „Ich liefere den Gegenentwurf.“

Viele Jahre widmete sich Gisinger einer Recherche über das Leben des Philosophen Walter Benjamin. Wo er einst verkehrt ist, zeigt eine 18-teilige Bilderserie, die mit Zitaten aus früheren Korrespondenzen des Denkers versehen sind. Hier offenbart sich das Bewundernswerte an den Werken Gisingers: die Akribie, mit der der Künstler in die Vergangenheit abtaucht und diese in ein neues Licht rückt.

Museum für Photographie, Helmstedter Straße 1, bis 6. Januar 2013, Dienstag bis Freitag 13 bis 18 Uhr, Samstag und Sonntag 11 bis 18 Uhr.

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