Künstler, grüß mir die Sonne!

Braunschweig  Die kosmisch-komischen Material-Arbeiten des Berliner Künstlers Björn Dahlem im Kunstverein Braunschweig

Die Sonne hängt tief in der Rotunde der Braunschweiger Villa Salve Hospes. Es ist natürlich eine künstliche Sonne. Genauer: eine Kunst-Sonne. Bei näherer Betrachtung stellt man fest: Diese Sonne ist eine Ansammlung alter Lampenschirme und Leuchtkörper, dazu Glühbirnen, die wie Sonnenstürme herauszubrechen scheinen, befestigt an einem kugelförmigen Holzlatten-Gerüst.

Gebaut – fast möchte man sagen: gebastelt – hat diesen merkwürdigen Strahlemann der Berliner Künstler Björn Dahlem. Ein Mann, der sich für physikalische Phänomene interessiert, welche er in sinnlich-poetische Bilder zu fassen sucht.

So entstehen filigrane Materialcollagen, die krude Mischungen sind aus Kosmischem, Sakralem und Banalem. Wie Monstranzen, Fetische oder kostbare Reliquien stehen sie auf Sockeln in Vitrinen.

Das Material findet der 38-Jährige in seinem Wohnbezirk Kreuzberg: „Da gibt es ja unfassbar viele Trödelläden“, erzählte er im Vorgespräch.

Die Basis der Arbeiten sind oft geschliffene Gläser und Glasschalen, wie sie unsere Omas in den Kommoden hatten. Darauf klebt Dahlem Gittergerüste aus Holzstäben, an denen er Christbaumkugeln oder vergoldete Sternchen auf vermeintliche Umlaufbahnen schickt. Zu entdecken sind darüber hinaus Vasen, Untertassen, Spiegel, Figürchen, Chemie-Kolben, Kiefernzapfen, Eicheln oder auch mal ein Onyx-Ei, ein Glas mit schwarzen Oliven oder eine Phiole mit Brombeersaft.

Seine Skulpturen spielen oft schon in den Titeln auf physikalische Phänomene an, etwa „Schaum“, „Partikel E“ oder „Galaxie“. In der Arbeit „M-Zeit“ beschwört er mit diversen alten Uhren die Relativität der Zeit. Zwischen der Sonne und dem letzten Saal wandert der Betrachter um große weiße Blöcke herum, die aus dem Boden zu ragen scheinen wie Eisberge. Der Titel der Ausstellung lautet: „The End Of It All“. Ökologisch-apokalyptische Endzeit-Mahnung also zwischen explodierender Sonne und schmelzendem Eis?

Eher nicht. Eher wohl fast umgekehrt: ein gelassenes Staunen über die Unbegreiflichkeit des Kosmos trotz aller Theorien, ein heiter-spielerisches, fast kindliches Sich-begreiflich-Machen, dass alle Physik letztlich auch nur menschliches Bastelwerk ist.

Das billige, abgenutzte und ausgemusterte Alltags-Material zu verknüpfen mit den abstrakten Höhenflügen der Physik, das gibt Dahlems besten Arbeiten eine skurrile Fallhöhe. Er konstruiert sozusagen Hilfsbilder, um zu illustrieren, wie hilflos unser Verstand ist, wenn er sich keine Bilder machen kann.

Zugleich aber lädt er seine Kunst mit einer Aura der Verehrung für das große Geheimnis des Universums auf. Auf die Frage, ob er ein gläubiger Mensch sei, antwortete Björn Dahlem mit ja.

Zu sehen bis zum 18. November im Kunstverein am Lessingplatz, Di.-So.11-17 Uhr, Do. bis 20 Uhr.

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