Käthe Buchler – Die Foto-Pionierin aus dem Großbürgertum

Braunschweig  Das Braunschweiger Museum für Photographie und das Städtische Museum zeigen in einer Doppelschau faszinierende Bilder vom Beginn des 20. Jahrhunderts.

Käthe Buchler: „Wanderausflug im Harz“, um 1904.

Käthe Buchler: „Wanderausflug im Harz“, um 1904.

Da sind diese Augen, die Mimiken. Während ihr Zeitgenosse August Sander mit seinen Prototypen-Porträts von Metzgern und Förstern ungleich berühmter werden sollte, belegt die Ausstellung „Käthe Buchler – Fotografien zwischen Idyll und Heimatfront“ ein großes Gespür für das so minimale wie spontane Auflösen der eigenen Komposition.

Für die Doppel-Ausstellung arbeiten erstmals das Museum für Photographie sowie das Städtische Museum zusammen. So ergibt sich eine Zweiteilung. Das Städtische Museum übernimmt die „Idylle“ aus dem Titel. Dort sind Aufnahmen der großbürgerlichen Familie zu sehen.

Käthe Buchler kam im Jahr 1876 zur Welt, ihr Vater war ein angesehener Landtagsabgeordneter und Rechtshistoriker. Sie heiratete 1895 den Industriellen Walther Buchler, der die Chininfabrik seines Vaters weiterführte. Zunächst begann sie zu malen, entdeckte um die Jahrhundertwende jedoch die Fotografie. Die Motive von einem Ruderboot an der Oker oder von der Villa am Löwenwall, die erst vor wenigen Jahren von der Familie verkauft wurde, belegen den Wohlstand der Buchlers.

„Album einer Familie“, der erste von vier Räumen, zeigt die Angehörigen zuhause, den Ehemann Walther in erhabener Denkerpose etwa. Weitergeführt werden diese Aufnahmen aus der unmittelbaren Umgebung der Fotografin im nächsten Raum, der Motive von Ausflügen zeigt. In die Szenerie etwa des Harz’ bettet sie Kinder und Bekannte, zunächst noch ganz wie gelernt: Dieses Musterschülerinnenhafte verlieren ihre Aufnahmen jedoch mit den Jahren, und in Komposition und Konzeption gewinnt Käthe Buchler deutlich an Souveränität. Wobei sie sich auch technologisch in einer vorteilhaften Situation befand: Einer ihrer Schwager war ein Voigtländer, mithin ein Sprössling jener Unternehmerfamilie, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts an der neuen Mobilität der Fotografie mitwirkte, indem sie in Braunschweig besonders tragbare Kameras herstellte.

In den 1910er Jahren wird Käthe Buchler öffentlich bekannt. In Braunschweig und Berlin werden ihre Motive auf Lichtbildvorträgen gezeigt. Beide Häuser haben für die Ausstellung solche Vorträge rekonstruiert. Als Tonspur laufen jedoch Rezensionen aus Buchlers Zeit, nachgesprochen von einem Schauspieler.

Im Museum für Photographie wird der Bruch deutlich, den der Erste Weltkrieg in die Gesellschaft trägt: Wo Buchler einst die Freuden der Freizeit dokumentierte, da fotografiert sie nun Reportagen aus Offiziersheimen oder der A.V.G, der Abfall-Verwertungs-Gesellschaft.

Unter dem Titel „Die Fotografin der Heimatfront“ findet sich in den beiden Torhaus-Galerien an der Helmstedter Straße jedoch auch die besonders beeindruckende Strecke „Frauen in Männerberufen“.

Hier hält Buchler ihre extreme Zeit fest, in der Frauen durch den Krieg tatsächlich in die Männerdomänen wie Milchtransport vordringen oder sich als Schaffnerinnen verdingen mussten. Darüber hinaus gelingt es ihr wie nebenbei, einen tiefen Eindruck vom porträtierten Menschen zu vermitteln. Es sind die wie unvermutet wirkenden Gesten, die Buchlers Porträts so wirksam werden lassen in ihrem Zusammenspiel aus Konzept und Eingebung.

Bis zum 28. Oktober. Eröffnung am 6. September, 19 Uhr, im Städtischen Museum, Steintorwall 14. Führungen sonntags um 16 Uhr ab Städtischem Museum.

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