Kunsthallen-Überraschung – HBK und Photomuseum skeptisch

Braunschweig  Nach dem Verlust der Sammlung Bönsch bietet Braunschweig die Räume im Stadtmuseum als Ausstellungszentrum an. HBK und Photomuseum planten anders.

Florian Ebner, scheidender Leiter des Photomuseums, in einer der erhofften Ausstellungshallen an der Hamburger Straße.

Foto: Arnold

Florian Ebner, scheidender Leiter des Photomuseums, in einer der erhofften Ausstellungshallen an der Hamburger Straße. Foto: Arnold

Hoppla. Mit einem überraschenden Schachzug will die Stadtverwaltung den Verlust der Kunstsammlung Bönsch nutzen, um eine andere Baustelle der Kulturstadt Braunschweig en passant und kostengünstig abzuwickeln.

Vier nunmehr freie, insgesamt 600 Quadratmeter große Ausstellungsräume im Städtischen Museum hat Kulturdezernentin Anja Hesse über Nacht der Kunsthochschule (HBK) und dem Photomuseum als neue Ausstellungsflächen im Herzen Braunschweigs angeboten. Beide Institutionen hatten die Stadt ihrerseits vor Monaten um finanzielle Unterstützung für ihren Plan gebeten, aufgegebene Industriehallen in der Nordstadt zu einem gemeinsamen, 1500 Quadratmeter großen Ausstellungszentrum umzubauen.

Gestern reagierten führende Köpfe von Photomuseum und HBK jedoch eher reserviert auf die plötzliche Offerte Hesses. Das gilt insbesondere für das Photomuseum. Professor Michael Schwarz, Vorsitzender des Trägervereins, erklärte: „Einfache Lösungen sind selten weiterführende Lösungen, und visionär sind sie meist ohnehin nicht.“

Die sich unmittelbar ans Städtische Museum anschließenden Ausstellungsräume seien zu klein und zu verbaut. Zudem sei das Profil des Städtischen Museums „zu weit entfernt von zeitgenössischer Kunst“. Um das erhoffte neue Ausstellungszentrum von HBK und Photomuseum optimal zu bespielen und überregional bekanntzumachen, bedürfe es einer eigenständigen Plattform, so Schwarz. „Zeitgenössische Fotografie ist nicht mehr auf mittlere Formate beschränkt, sondern Bild, Skulptur, Installation geworden. Dafür brauchen wir große, weite und flexibel einzurichtende Räume.“

Florian Ebner, scheidender Photomuseums-Leiter, springt Schwarz bei. Das Museum benötige zur Ergänzung seiner kleinen Torhaus-Galerie eine moderne Halle. Schließlich werde auch die Leitungsstelle deutlich aufgewertet. Künftig sei sie mit einer Gastprofessur für Kuratorische Praxis der Fotografie an der HBK verbunden, finanziert von der Stiftung Nord-LB/Öffentliche.

Ebner selbst wechselt im Januar 2013 zum Folkwang-Museum Essen, wo er die Leitung der Fotografischen Sammlung übernimmt. In Braunschweig war er seit 2009 tätig und hatte vielbeachtete Ausstellungen organisiert. Dem Photomuseum werde er aber auch von Essen aus verbunden bleiben, verspricht der 41-Jährige. Er könne Kontakte vermitteln; denkbar seien auch gemeinsame Ausstellungsprojekte.

Für die HBK kommentierte Sprecher Jesko Heyl die neue Offerte von Kulturdezernentin Hesse. „Wir hätten uns eine frühere Einbindung gewünscht. Wir halten an den Plänen für die Hamburger Straße fest, bleiben aber gesprächsbereit.“

Am 6. September ab 15 Uhr berät der Kulturausschuss im Rathaus über das Thema.

KOMMENTAR

Es sieht nicht gut aus für die Kunsthallen-Pläne von HBK und Photomuseum im Braunschweiger Norden. Warum sollte die Stadt dort rund 420 000 Euro zusätzlich ausgeben, wenn schon mehr als 540 000 Euro in nun leerstehende Ausstellungsräume im Städtischen Museum investiert wurden? Zumal die HBK in der Nordstadt bereits seit zwei Jahren ein sogenanntes Raumlabor betreibt – und dort bisher keine öffentlichkeitswirksame Schau organisiert hat. Nicht zuletzt verabschiedet sich mit dem rührigen Florian Ebner auch noch einer der treibenden Kunsthallen-Visionäre gen Essen.

Das ist keine tolle Verhandlungsgrundlage. Auch wenn das Argument durchaus stichhaltig ist, dass die Stadt aus der Not – dem nicht eben rühmlichen Verlust einer hochkarätigen Kunstsammlung – mal schnell eine Tugend klempnere.

Visionär ist das wirklich nicht. Eine Kunsthochschul- und Beinahe-Kulturhauptstadt sollte aber Visionen entwickeln. Etwa die eines jungen Kulturzentrums samt schlichter Ausstellungshalle – mit passendem Ambiente für junge Kunst. Geeignete Gelände gäbe es – auch in Kunsthochschulnähe.

Florian Arnold

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