Wissen aus der Badewanne

Hildesheim  Das Hildesheimer Pelizaeus-Museum erklärt den „Archimedes-Code“ und seine Wiederentdeckung mit vielen Lesetafeln, aber auch Spiel-Modellen.

Dass ein Wissenschaftler nackt aus der Badewanne springt und mit einem altgriechischen Heureka, so viel wie: Wow!, durch die Gassen läuft, ist heute selten geworden. Würde aber ebenso Schlagzeilen machen wie damals um 250 vor Christus. Archimedes hieß der kühne Denker aus Syrakus in Sizilien, der aus der eigenen Körperverdrängung im Wasser soeben ein Gesetz zur materialabhängigen Gewichtsbestimmung abgeleitet hatte.

Anlass war der Zweifel seines Königs, ob die Krone, die ihm der Goldschmied geliefert hatte, tatsächlich aus einem ganzen Barren Gold gemacht war, wie vom Schatzmeister bereitgestellt. In dem Fall musste sie, egal wie sie geformt war, genauso viel Wasser in der Wanne verdrängen wie ein Barren Gold.

Dem großen Archimedes hat das Roemer- und Pelizaeus-Museum in Hildesheim seine aktuelle Sonderschau gewidmet. Anlass ist die Entschlüsselung eines schon fast verlorenen Codexes seiner Schriften, der am Walters Art Museum in Baltimore/USA restauriert wurde. Drei dieser fragilen Pergamentseiten sind nun in Hildesheim als einzigem Ort in Europa zu sehen. Dank der Hildesheimer Museums-Chefin Regine Schulz, die zuvor die Abteilung Antike Kunst in Baltimore leitete.

Nun muss man allerdings viel lesen in dieser Schau, bevor man die Bedeutung der drei dicht beschriebenen Blätter erfassen kann. (Und diese Texttafeln sind leider von Grammatikfehlern gespickt). Dabei ist die Entdeckung des Codexes ein wahrer Krimi. Ob man den nicht doch mit entsprechenden Dioramen Station für Station hätte lebendig machen können?

Im 10. Jahrhundert nach Christus schreibt also ein Kopist in Konstantinopel verschiedene Traktate des Archimedes ab und fügt sie zu einem Codex zusammen. Weil Pergament, aus Schafshaut gewonnen, teuer ist und antike Schriften nicht mehr geschätzt werden, nimmt ein Mönch um 1229 den Codex auseinander, wäscht die Tinte ab und knickt die Seiten in der Mitte, um sie als neues Buch wieder zu heften und mit Gebeten zu überschreiben. Palimpsest nennt man das. So bleibt es bis ins 19. Jahrhundert in einem abgelegenen Kloster in den Schluchten nahe Bethlehem in Gebrauch. 1844 taucht es in Istanbul wieder auf, wird 1906 erstmals entschlüsselt, da die Rückstände der abgewaschenen Tinte durchaus noch lesbar sind. Johann Heiberg stellt fest, dass es sich um Texte des Archimedes handelt.

Wieder geht das Buch verschollen, ist 1934 im Besitz eines französischen Antikenhändlers, der es auf der Flucht vor den Nazis zu Geld machen muss, dazu aber auch einige Seiten mit pseudomittelalterlichen Buchmalereien übermalen lässt. 1998 kommt es in einer Auktion wieder zutage, 2,2 Millionen Dollar zahlt ein unbekannter Kenner und übergibt es dem Institut in Baltimore zur Aufarbeitung.

In zehn Jahren wurde das Buch nun restauriert: Die Bindung aufgelöst, die Seiten in die alte Ordnung gebracht, Schimmel bekämpft und mittels komplizierter fototechnischer Verfahren die antike Schrift unter den mittelalterlichen Gebetstexten wieder sichtbar gemacht. Vergleichsblätter in dieser Pseudofarbentechnik zeigen die Archimedes-Texte verblüffend deutlich in Rot. Und nun schaut man auch die geschundenen Original-Seiten in ihrer transparent leuchtenden Ehrwürdigkeit mit anderen Augen an.

Welch ein Fund. Zumal die nun entdeckten Teilstücke „Methodenlehre“ und „Stomachion“ nur in diesem Codex aufgezeichnet sind. „Stomachion“ heißt Bauchschmerzen, und tatsächlich handelt es sich um ein Rätsel, das man in dem hervorragend anschaulichen Teil der Ausstellung auch gleich nachspielen kann. Aus verschieden großen Drei- und Mehrecken muss ein großes Quadrat gebildet werden. Dank Computer weiß man heute, es gibt 536 Möglichkeiten. Mit Spiegelungen und Drehungen sogar 17 152.

Ausprobieren kann man auch die „Archimedische Schraube“, dank derer Wasser von unten nach oben fließt. Auch der Flaschenzug nutzt archimedische Gesetze. Wie leicht lässt sich der Stein, den man vorher nicht heben konnte, nun bewegen. „Gebt mir einen festen Punkt außerhalb der Erde, und ich hebe die Welt aus den Angeln“, soll Archimedes gesagt haben. Kinder können das grundlegende Hebelgesetz im exzellent bestückten „Jungen Museum“ mit kleinen Wippen nachspielen.

Beliebt ist bei ihnen auch das Modell eines Katapultes. Archimedes diente seinem König in Syrakus auch als Kriegstechniker. Das war nicht so klug. Denn 212 vor Christus wurde er von einem feindlichen Soldaten erschlagen.

Geöffnet täglich 10-18 Uhr.

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