Der kleine Dicke und der lange Dünne

Quedlinburg  Feininger-Galerie in Quedlinburg zeigt die Entwicklung des Künstlers von der Karikatur zur Zeichnung.

Am Strand. Gouache von Lyonel Feininger. Die Figuren sind noch karikaturhaft zugespitzt.

Foto: Katalog

Am Strand. Gouache von Lyonel Feininger. Die Figuren sind noch karikaturhaft zugespitzt. Foto: Katalog

Onkel Feininger zeichnet, was der kleine Wee Willie Winkie erlebt: Eine müde gähnende Sonne, die zu früh aufgestanden war und sich am Ende des Vier-Bilder-Comics mit den Wolken zudeckt. Eine Kirche, deren Turmfenster ein Gesicht ergeben und die wie eine Klucke über die anderen fenstergesichtigen Häuser des Dorfes wacht. Eine Parkbank scheint zunächst ihren Schlund zu öffnen, umarmt aber den Spaziergänger, der sich daraufsetzt, dann doch freundlich.

Lyonel Feininger war um die 19. Jahrhundertwende ein gefragter Karikaturist, spießte für die Zeitschriften „Ulk“ oder die „Lustigen Blätter“ auch politische Themen auf. Die Feininger-Galerie in Quedlinburg zeigt nun einige dieser Karikaturen und stellt ihnen die Radierungen und Lithografien gegenüber, die sie fast lückenlos besitzt. Feininger begann sich um 1905 mit diesen Techniken zu beschäftigen und als Künstler zu emanzipieren. Der Broterwerb durch Karikaturen entfiel künftig.

Gerade die mit spitzer Nadel in den Stahl geritzten Kaltnadelradierungen zeigen noch vielfach die schematisch auf Eigenarten hin erfasste Figurenzeichnung. Da wandern die Arbeiter am Montmartre als lässig umrissene Amöben ohne Binnenstruktur, Kleidungsdetails oder Schattenwurf durch die Straße. Immer wieder finden sich der kleine Dicke und der lange Dünne als Paar, die ebenso über den Montmartre bummeln, wie als Landstreicher durch norddeutsche Dörfer ziehen, bei Sonnenaufgang dem Tor von Ribnitz ihre Aufwartung machen oder, auf einer rosigen Farblithografie, aus dem Dorf mit Windmühle wandern.

Charakteristisch auch die Zylinder, die aus dem Mund ragende Pfeife, der Spazierstock, Damen mit Schirmchen, der Reeder mit Monokel – eine rechte Spießergesellschaft, lustvoll aufgespießt.

In der Radierung „Die Höhnenden“ ist das Paar entzweit: Alle normal kleinen Figuren gucken nun zu dem überlangen Dandy mit der Hand in der Hosentasche herauf. Über dieser Stadtschlucht spannt sich ein Eisenbahnviadukt mit schmauchender Lokomotive. Ein Ort der Kleingeister, das Neue ist hoch und lang.

Eisenbahnen hat Feininger gern gestochen, akribisch genau. Und von fern ahnt man noch aus Karikaturenzeiten die Augen der Lokomotive, die entsetzten Fenster der Häuser hinter dem vorbeirasenden Zug.

Für Gouache und Gemälde mildert sich der scharfe Strich zur sachlichen Reduktion, die eben nur Wesentliches sehen will. „Am Quai“ (1912) beginnt auch schon die prismatische Zerlegung, die typisch für Feininger wird. Bis Kirchen, Gassen, Häuser, meist menschenleer, sich zu einem fast abstrakten Geflecht kosmischer Eingebundenheit auflösen.

In Quedlinburg lässt sich diese Kunst- und Künstlerwerdung exemplarisch miterleben.

Bis 4. November, Di.-So. 10-18 Uhr.

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