Skulpturen, die in den Raum wachsen

Bremen  Große Ausstellung zum 85. Geburtstag des ehemaligen Braunschweiger HBK-Professors und international renommierten Bildhauers Emil Cimiotti in Bremen

Die Bronzeplastik „6 Scylla und Charybdis, 1960“ von „Emil Cimiotti vor Grafiken.

Foto: Museum

Die Bronzeplastik „6 Scylla und Charybdis, 1960“ von „Emil Cimiotti vor Grafiken. Foto: Museum

Blätterbrunnen und Waldboden, Hügel, Insel, Wolken und Horizont – Emil Cimiottis Skulpturen erfinden Pflanzen und Landschaft, lassen freie Vegetation wuchern und in offenen Strukturen Lebensgemeinschaften formen. Sogar Adam bildet sich aus amorphem Wachstum, ehe er sich dem Prototyp des Menschen nähert. „Vera“ dagegen zeigt in polierter Bronze schon die Erstgeburt weiblicher Schönheit.

Das aber ist eine Ausnahme, denn den Bildhauer Cimiotti interessiert der Prozess des Werdens und Vergehens mehr als das kompakt errichtete Standbild. Seine Plastiken öffnen sich in den Raum, wachsen ihm entgegen, bilden Zellen, Löcher, Kavernen, bevorzugen ohne Sockel die Horizontale, zeigen Skelett-Strukturen Schädel, Knochen, verbinden sich als Vanitassymbol mit erfundenem Erdboden und Laub.

Cimiotti, der mit seinen frei wuchernden Plastiken als 25-Jähriger Aufmerksamkeit weckte, wollte schon als Student „den Raum anders besetzen“. Mit 36 Jahren wurde der Wegbereiter des plastischen Informel zu einem der Gründungsprofessoren der Braunschweiger Kunsthochschule, dem die Stadt prägende Skulpturen verdankt – etwa den Brummen auf dem Vorplatz des Staatstheaters.

Doch nicht Braunschweig, sondern das Gerhard-Marcks-Haus in Bremen hat dem international renommierten Künstler zum 85. Geburtstag eine Ausstellung gewidmet, die Kuratorin Veronika Wiegartz in drei Werkphasen gliedert. In hellen Räumen auf Augenhöhe frei stehend korrespondieren die Bronzegebilde mit dem Blick in den Park, sind Menschenwerk im Kontext zur Schöpfung.

Alles scheint in Bewegung: Figurengruppen, Bäume, deren Blattwerk auch Vögel sein könnten, Inseln voller menschlich-tierischer Zwitterwesen, Berg und Flussbett. Cimiotti modelliert sie frei aus Wachs und entwickelt die Form spontan während der Arbeit. Abstraktion und Figürliches verbinden sich. Der lebendige Entstehungsprozess mit allen Materialklümpchen und formenden Fingerspuren – die eigentliche Handschrift des Informel – bleibt nachvollziehbar.

Auch die Metamorphose zur Bronzeskulptur bewahrt das modellierte Leben, werkgerecht betont durch die naturraue Patina. Hier wird nichts poliert. Jede Plastik ein Unikat. Original und Negativhülle gehen durch das Wachsausschmelzverfahren verloren. Aber es gibt Themenvarianten, Formverwandtschaften, die für Vielfalt sorgen.

Auch eine steinweiße Bemalung mit tonwertigen Akzenten kann die Skulptur ergänzen. Sie charakterisiert den schneebedeckten Berg, eine Felswand, Dünensand, Licht und Schatten. Die jüngsten Werke des aktiven Bildhauers sind großflächige Landschaftsgebilde, aus Wachsplatten gebaut und auf Stahlträger leicht erhöht montiert. „Horizont“, „Terra incognita“ oder „Palmyra“ sind nur drei der verlockenden Namen.

Besonderes Augenmerk verdienen die Zeichnungen – kraftvolle Formerfindungen oder flächendeckende Strukturen wie Granit oder Spinnweben, die parallel zur Thematik der Bildhauerei mit wasserlöslicher Kreide, Grafit oder Farbe großzügig auf Papier entstehen. Neben einzelnen Blättern bilden 50 davon ein einheitliches Wandtableau.

Bis 16. September im Gerhard-Marcks-Haus Bremen, Am Wall 208. Geöffnet Di.-So. 10-18 Uhr, Do. bis 21 Uhr.

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