Künstler Burkhardt Rokahr und seine Blutspur im Kaiserdom

Königslutter  „Die martialische Seite der Religion in einer Installation im Kreuzgang zu Königslutter: Abstrakt, roh, archaischI

„Kraftkreuz“

Foto: Jasper

„Kraftkreuz“ Foto: Jasper

Manchmal hat dieser stürmisch verregnete Sommer auch was Schönes. Wenn man etwa im Kreuzgang des Kaiserdoms zu Königslutter das Spiel von Dämmerlicht und Sonnenstrahlen erlebt, die das filigrane Bauwerk in wechselhafte Farben und Stimmungen tauchen. Dazwischen leuchtet es fremd und rot.

Das ist Kunst. Eine Installation. Oder wie man auch gern sagt: eine Intervention. Ein künstlerischer Eingriff ins alte Gemäuer. Eine Reihe von Objekten steht im Raum oder lehnt an der Wand. Sie wirken abstrahiert, assoziativ, roh, archaisch.

„Conturbo“ hat der Künstler Burkhardt Rokahr seine Installation genannt. Das ist lateinisch und heißt so viel wie: verwirren, in Unordnung bringen, auch: bestürzt machen, außer Fassung bringen.

Natürlich bringt die Installation die Harmonie der romanischen Fenster, Säulen und Deckenwölbungen in Unordnung und verwirrt den Betrachter zunächst durch ihren diffusen Deutungssog. Aber deshalb gerät der Kunstfreund nicht gleich außer Fassung. Denn das ist er gewohnt. Das abgenutzte Kritikerwort dafür heißt, dass Kunst „unsere Sehgewohnheiten irritiert“. Insoweit also nichts Neues.

Andererseits bringt sich der Raum bei der Deutung schon massiv ins Spiel. Automatisch stellt man Rokahrs Dinge in einen christlich-religiösen Kontext. Zumal im Zentrum eine Art Klapp-Altar steht mit einem Kreuz, welches über und über mit roter Farbe bespritzt ist. In dem Wand-Objekt „Purpurrinnenbild“ ist eine Holzplatte brachial durchbrochen, und durch den Bruch schimmert es purpurrot. Das erinnert an die Blutrinne an Stätten archaischer Opfer-Rituale.

So blitzt in dem Kreuzgang, der ja der Kontemplation gewidmet war, künstlerisch verfremdet eine Ahnung von Blut und Opfer auf – also der anderen, der martialischen Seite der Religionen.

Rokahrs Objekte tragen Fantasie-Titel wie „Brandblutstele“, „Schutzpolstergebein“, „Knochenholzpackung“, „Jesajasattel“, „Jagdtisch“, „Kraftkreuz“ oder „Mirakeldärme“. Sie sind aus Holz, Stoffen und anderen einfachen Materialien. Sie verweisen auf Rituale, auf Knochen, Därme, eine intensive Körperlichkeit – als Kontrast zur Vergeistigung des Kreuzgangs.

Das Konzept überzeugt, auch die assoziationsreiche Imagination. Doch wirken die Objekte als Installation nicht geschlossen, sondern aufgereiht. Dadurch verlieren sie an jener bestürzenden ästhetischen Bannkraft, die sie doch bräuchten gegen die gelassene Harmonie der Architektur (bis 4. August).

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