Dichterhirn-Landschaften

Wolfenbüttel  Die Malerbücher von Eckhard Froeschlin in der Wolfenbütteler Bibliothek zeigen kühn geätzte Dichter-Porträts und freie Farbphantasien.

Friedrich Nietzsche im Porträt von Eckhard Froeschlin.

Foto: Berger

Friedrich Nietzsche im Porträt von Eckhard Froeschlin. Foto: Berger

Er wagt sich mit Vorliebe an die schwierigen Texte der Literatur, erschafft dazu eigenwillige Bildwerke, stimmt Texttypographie und Druckarrangement meist selbst darauf ab. Eckhard Froeschlin ist ein ehrwürdiger Buchschöpfer, einer, der das sinnliche Erlebnis des Lesens nicht am Buchstaben enden lässt.

Da werden Worte zuweilen mit dem Pinsel weitergemalt und gehen so ins Bild über. Aber auch wenn der Text in Druckbuchstaben verläuft, folgt er etwa bei Hölderlins Gedicht-Fragmenten den zuweilen kryptischen Setzungen des Dichters. Die Wolfenbütteler Herzog-August-Bibliothek zeigt noch bis 30. September limitierte Drucke und Unikatbücher des 1953 geborenen Buchkünstlers aus Tettnang.

Such- und Denkbilder seien seine Werke, heißt es in den Würdigungen, und das ist noch das mindeste, was sich sagen lässt. Wenn etwa Peter Weiss akribisch genau die Körperhaltungen der Menschen auf Géricaults „Floß der Medusa“ beschreibt, auf dem Seenot zu Kannibalismus führte, so lassen Froeschlins zartbeige Volumen nur ungefähr an menschliche Glieder denken, aber eben doch, noch.

Vielleicht sehen wir in dem gelben Farbfleck über Dunkel und Knitter die trockene Frucht, die Ernesto Soto Larios trotz ihrer Unscheinbarkeit rühmt, denn sie bewahre den Geschmack, nicht das Aussehen. Das saftige Glühen ja, das hat Froeschlin ihr bewahrt.

Eindeutiger ist da schon die Machete, die er als schwarzgelb gestreifte Raupe ins Blaue schleudert, gemäß einem nikaraguanischen Sprichwort, das die Bedeutungsvielfalt des spanischen Wortes nutzt und rät: „Machete bleib in deiner Scheide“. Froeschlin arbeitet und lehrt auch in Matagalpa.

Bei Hölderlin wird’s ganz schwierig. Es scheinen Varianten seines Hölderlin-Porträtkopfs zu sein, die er da zu den Seiten der Gedicht-Fragmente setzt: „Ein Zeichen sind wir“, und er taucht hinter Säulen und Querbalken auf wie gefasst; „auf schwankem Kahne der See“ wirkt der Kopf wie in blauem Tuche liegend, in dem er schaukeln kann; „sinnig ist es auf Erden und nicht umsonst sind die Augen auf den Boden gehaftet“, da sitzt der Kopf in seinem Haus wie das des Nikolaus. Sinnig-schlicht.

Faszinierend sind die Dichter-Porträts, Nietzsche, Hölderlin, Kleist und Co, gerade die problematischen Ichs. Entsprechend zerätzt, zerlegt in verschieden bearbeitetem Grund, sehen sie aus. Detailreiche Landschaften, die nur von weitem den wiedererkennbaren Kopf ergeben. Dieses Aufscheinen der Materialqualität besticht auch in den zuweilen mit Aquarell und Kreide ergänzten, teils aufklappbaren Bildern.

Geöffnet Di.-So. 10-17 Uhr.

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