Die Moderne denken wir uns dazu

Wolfsburg  Die neue Ausstellung „Ornament“ im Kunstmuseum Wolfsburg zeigt alte Stiche aus dem Herzog-Anton-Ulrich-Museum in Braunschweig

Der Holzschnitt „Satyr und Nymphe mit Vögeln“ von Hans Sebald Beham von 1520/25.

Der Holzschnitt „Satyr und Nymphe mit Vögeln“ von Hans Sebald Beham von 1520/25.

Die Frage liegt auf der Hand: Was haben grafische Blätter voller Ornamente aus der Renaissance und dem Barock in einem Museum für zeitgenössische Kunst verloren?

Die große Erzählung des Wolfsburger Museumsdirektors Markus Brüderlin geht ungefähr so: Die abendländische Kunstgeschichte sei über Jahrhunderte dominiert gewesen von der Idee der Mimesis. Das heißt: Die Künstler hätten all ihren Ehrgeiz darein gesetzt, die Natur nachzuahmen. Daneben habe es aber immer eine Art unterschätzten Unterstrom gegeben: Die reine Form, die eben nichts nachahmt, sondern für sich selber steht und bestenfalls das Unsichtbare in der Welt sichtbar macht. Das Ornament.

Diese reine Form ohne Bezug zu einem Gegenstand sei in der Moderne an die Stelle der Mimesis getreten: in der abstrakten Kunst. Und in gewisser Weise auch in den Traumwelten des Surrealismus. Und das, obwohl sich die frühe Moderne vermeintlich definitiv vom Ornament losgesagt hatte.

Nun hat ja in unseren Ohren das Wort Ornament immer noch etwas Abwertendes, bestenfalls Kunstgewerbliches. Insofern ist das Provozierende an Brüderlins Erzählung, dass er die Abstraktion quasi als moderne Ornamentik betrachtet – von Kandinsky bis Gerhard Richter. Da ist er dann natürlich wieder bei seinem Lieblingsthema, den Linien, die sich von der Moderne in 21. Jahrhundert ziehen – nur dass er diesmal seine „Tiefenbohrung“ sehr viel früher in der Kunstgeschichte ansetzt.

Das Problem der Ausstellung im Kunstmuseum ist nur, dass diese Erzählung eben nicht ihr Gegenstand ist. Brüderlin erwähnte bei der Pressekonferenz eine Ausstellung, die er 2001 in Basel gemacht hat. Dort hat er tatsächlich alte Ornamente mit moderner Abstraktion konfrontiert. Da stellt sich klammheimlich die Frage: Haben die Basler damals die spannendere Ausstellung gesehen?

Wobei die Wolfsburger Schau zweifellos sehenswert ist. Nur hätte sie ebenso gut im Anton-Ulrich-Museum in Braunschweig stattfinden können – wenn es denn offen wäre. Denn von dort – aus dem Kupferstich-Kabinett – stammen die kostbaren ornamentalen Stiche, die hier gezeigt werden. Für den Direktor Thomas Döring eine Super-Gelegenheit, seine Schätze auszubreiten.

Das geht schon mit einem Knüller los: mit der Reihe von Dürers Knotenbildern. In einem schwarzen Kreis werden von einer leeren Mitte aus helle, wie dünne Schnüre wirkende Linien so kunstvoll verknotet, dass sie in absoluter Symmetrie den Kreis füllen. Da lässt sich erahnen, was das Ornament den Menschen früher bedeutet haben mag: die Harmonie der Welt, das Auffüllen einer irritierenden kosmischen Leere mit Schmuck und Schönheit. Wie ja das Wort Kosmos laut Kuratorin Julia Wallner ursprünglich auch „Schmuck“ bedeutete.

In all den zumeist floral anmutenden, manchmal körperlichen oder architektonischen, oft aber nur linearen Ornamenten, welche die Schau von Dürer bis Piranesi durchziehen, ist zumeist großer Wert auf Symmetrie gelegt, auf Wiederholung, Ebenmaß, (Über-)Fülle, Formvielfalt bis in mikroskopische Feinheiten. Also auf die Vision einer reichen, wohlgeordneten, harmonischen Schöpfung. Genauer: auf das Wesen derselben, das man ja nicht sieht.

Verblüffend sind dagegen groteske Blätter, die Tiere und Menschen in absurder Pose und Verzerrung zeigen. Oder Bilder von Gefäßen, deren Form die totale Formlosigkeit versucht. Da ist der Surrealismus in der Tat nicht fern.

Im September will Brüderlin parallel eine Schau des modernen amerikanischen Künstlers Frank Stella eröffnen, den er gestern als „Ober-Ornamentiker“ bezeichnete. Vielleicht wird dann tatsächlich jene Spannung zwischen Moderne und Tradition greifbar, welche bisher nur in Brüderlins Erzählung existiert.

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