Wenn die Bilder fliegen lernen

Hannover  Das Sprengel-Museum Hannover zeigt aufregende Malerei von Ilya Kabakov, die mit den künstlerischen Ahnen spielt. Die Motive taumeln über die Leinwand.

Auf dem Gemälde „Sie schauen 4“ hat sich Ilya Kabakov als Kind auf dem Schoß seiner Mutter wiedergegeben.

Foto: VG Bild-Kunst/Sprengel-Museum Hannover

Auf dem Gemälde „Sie schauen 4“ hat sich Ilya Kabakov als Kind auf dem Schoß seiner Mutter wiedergegeben. Foto: VG Bild-Kunst/Sprengel-Museum Hannover

Natürlich sind da auch diese Fliegen-Bilder, kleine absurde Vexierspiele mit realistisch gemaltem Brummer auf dekorativem Untergrund. Hat sich da ein Insekt frech auf die Kunst gesetzt, oder ist es selbst die Kunst?

Mit dem hehren Kunstbegriff spielt Kabakov in seiner Ausstellung im Hannoverschen Sprengel-Museum scheint’s besonders gern. Da blicken in der Folge „Sie schauen“ seine Familienangehörigen aus mehrere Meter breiten Gemälden auf den Betrachter herab.

Ausgehend von Rembrandts Gruppenbild der strengen Tuchmachergilde hat Kabakov da seine Vorfahren versammelt, fast altmeisterlich getreu abgemalt nach erhaltenen Fotos, die ebenfalls in der Schau zu sehen sind. Die Personen der hinteren Reihe sind nur noch schwebende Köpfe im Dunkelbraun der Erinnerung. Die gemalten Mauerreste zuseiten des Bildes betonen den Abstand der Verstorbenen zu unserer Realität. Ob sie hinter jeder Museumswand lauern, die Ahnen des Künstlers und der Malkunst? Auf einem Gemälde sitzt er sogar selbst als Kind auf dem Schoß der Mutter. Dem kritischen Blick muss man erstmal standhalten als Nachgeborener.

Das Spiel mit den Traditionen wird vermehrt in der 20-teiligen Serie „Sie fliegen“. Es sind weiße Bildflächen, auf die geometrische Formen geschnitten sind wie einst bei Malewitsch. Doch sind diese Dreiecke und verzogenen Vierecke bei Kabakov nicht schwarz, rot oder weiß, sondern beinhalten ihrerseits impressionistisch anmutende Gemälde. Da sieht man Urlaubs- und Arbeitsszenen, die aus dem Alltagsleben des sozialistischen Realismus entsprungen sein könnten.

Gerade in den verzogenen Varianten scheinen diese Gemälde über das weiße Bild zu trudeln. Und schließlich geraten sie geradezu ins Fliegen, wenn sie immer höher angebracht werden und sich am Ende des Zyklus etwas verwischen, als schleudere sie die Spiralbewegung im Ausstellungsbogen am anderen Ende aus dem Saal hinaus. Dieser Zyklus hat eine grandiose Dynamik, und man gerät dabei fast selbst ins Taumeln.

So verbindet Kabakov die meisterlich gemalten Erinnerungen aus der eigenen und kollektiven russischen Geschichte mit Malewitschs metaphysischem Anspruch, in die Transzendenz, eine übergeordnete geistige Wirklichkeit zu führen. Hier ist es eine Art Trance. Und ein Holzsatellit unter der Decke suggeriert, dass diese Bildbeobachtungen aus außerirdischen Perspektiven stammen.

Kabakov scheint gern ins Überirdische auszuweichen. Da hängen drei wandhohe Formate nebeneinander, minimalistisch umsäumt mit blassgelben Männchen. Doch die Dichte nimmt von Bild zu Bild zu, die durchscheinenden Engelwesen werden immer mehr von Männchen aus dem Arbeitsalltag überlagert. Nur wenn man sich die Position aus dem ersten Bild eingeprägt hat, fallen sie auf. Die Engel sind unter uns, man muss sie nur erkennen.

Kabakovs „Gemälde mit Tür“ sind übrigens tatsächlich Gemälde mit einer Tür daneben. So glaubt man, durch die Bilder in die Wirklichkeit jenseits der Tür zu schauen. Ob Kunst das kann? Oder täuscht sie? Die Tür lässt sich nicht öffnen. Man muss dem Bild trauen oder nicht.

Bis 29. April Di. 10-20, Mi.-So. 10-18 Uhr. Infos: (0511) 16 84 38 75.

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