Amerika ungeschminkt
Braunschweig „Farbe ist vulgär“ – diese Aussage Walker Evans’ galt lange als Leitspruch der künstlerischen Fotografie.
Bis in die 1970er Jahre hinein fotografierte, wer etwas auf sich hielt, schwarz-weiß. Das lag auch an der schlechten Qualität der früheren Technik. Doch es gab schon früher Ausnahmekünstler, die den Farbfilm trotz seines schlechten Rufs als ihr Medium entdeckten. Das Museum für Photographie präsentiert zwei dieser Künstler im Rahmen seiner Reihe von Wieder- und Neuentdeckungen dokumentarischer Fotografie der 1960er bis 1980er Jahre.
Als der gebürtige Deutsche Fred Herzog 1952 ins kanadische Vancouver emigriert, ist er sofort fasziniert von der vibrierenden Großstadt. Der damals 22-Jährige zieht mit der Kamera los und fängt ein, was er sieht: das Leben auf der Straße, das Aufeinanderprallen der Kulturen und den Wandel der Moderne.
Seine Fotos wirken wie Schnappschüsse eines Flaneurs, der durch die Straßen zieht und die Menschen in einem unbedachten Moment einfängt. „Immer wieder entdeckte ich Straßenecken, wo Menschen zusammenkamen – Orte mit einer Atmosphäre, so spürte ich, die jedermann ansprechen würde“, so Herzog. Sein Interesse gilt den öffentlichen Räumen, ihrer Architektur und den Menschen darin. Herzog nutzt Farben als gestalterisches Element, sucht in der Stadt nach Harmonie und Kontrasten. Seine Arbeit sieht er als historisches Dokument, das Leben und Mentalität einer Generation festhält.
Einen anderen Weg ging der Amerikaner Bruce Wrighton. 1950 in New York geboren, 1988 an Aids gestorben, blieb ihm nur eine kurze Zeit. Im Gegensatz zu Herzog zog es ihn von der Großstadt weg in die Kleinstadt Binghamton. Der Gründungsort des IT-Riesen IBM war während des Kalten Krieges zu Reichtum gekommen. Als der Ost-West-Konflikt sich abschwächte, kam es jedoch zu zahlreichen Entlassungen und Schließungen.
Als Wrighton in den 1980er Jahren dort eintrifft, ist die Innenstadt geprägt von einer verarmten Arbeiterschicht, die sich mit schlecht bezahlten Jobs durchschlägt. Es ist diese Gesellschaft am Rande, die Wrighton fasziniert und die er mit seinen Fotos einfängt. Dabei wählt er nicht wie Herzog den zufälligen Schnappschuss, sondern porträtiert sie und hält damit ihren täglichen Kampf ums Überleben fest. Seine Fotos sprechen auch eine Bewunderung und Sympathie für die aus, deren Leben aus dem Tritt geraten ist.
Bis 18. März Di. bis Fr. 13 bis 18 Uhr, Sa./So. 11 bis 18 Uhr, Führungen: So. 16 Uhr.
