1913 zwischen Monarchie und Moderne
Braunschweig Historiker Professor Christoph Stölzl erläuterte im Braunschweiger Kulturausschuss das Projekt zur Fürstenhochzeit 1913. Kontroverse Debatte.
Monarchistische Nostalgie oder kritische Bestandsaufnahme? Die für 2013 in Braunschweig geplante Ausstellung anlässlich der Hochzeit zwischen dem Welfen Ernst August und der Kaisertochter Victoria Louise 1913 wird von vielen skeptisch beäugt. Auch im Braunschweiger Kulturausschuss, wo Professor Christoph Stölzl, Historiker und zurzeit Präsident der Musikhochschule Weimar, das Konzeptpapier vorstellte.
Aufbruch in die Moderne
Der Titel „Braunschweig zwischen Monarchie und Moderne“ umreißt dabei sehr deutlich das Spannungsfeld. Wichtig sei der Blick auf die ganze Gesellschaft, nicht nur auf den Adel und seine Anhänger. „Die Stadtgesellschaft in all ihren Schichtungen wird abgebildet, die Industrialisierung und die sozialen Probleme“, so Stölzl. Wichtig sei ihm der Aufbruch in der Kunst, etwa der modernen Malerei im Berliner Herbstsalon 1913. Und selbst der Kaiser habe sich virtuos der neuen Medien bedient, etwa einen eigenen Kameramann beschäftigt. Diese Zusammenhänge sollen im Landesmuseum unter dem Titel „Herrlich moderne Zeiten“ thematisiert werden.
Für Nostalgiker gebe es freilich auch Stoff: Im Schlossmuseum würden ausgehend von der Sitzordnung des Hochzeitsmahls die Biografien der monarchischen Gäste weiterverfolgt bis in Krieg und Nachkriegszeit. Es gebe Mode und Service zu sehen. Im Städtischen Museum würden dagegen eine bürgerliche und eine Arbeiterhochzeit jener Zeit nachgestellt. „Durch die Wittelsbacher-Ausstellung ist Bayern keine Monarchie geworden, das müssen wir auch für Braunschweig nicht fürchten“, so Stölzl. Der kritische Ansatz sei für Wissenschaftler selbstverständlich.
Für die Ausschussmitglieder von BIBS und Linken war es das nicht. Ihnen waren die Formulierungen in Hinsicht auf soziale Verhältnisse und Kriegsvorbereitungen nicht konkret genug. BIBS-Mitglied Wolfgang Büchs zitierte etwa aus einem Aufruf der französischen und deutschen Sozialisten von Beginn 1913, worin sie das Wettrüsten und nationalistische Stimmungmache beklagen. Dazu Stölzl: „1913 war alles möglich, der große Frieden wie der Krieg. Es ist eine spannende Frage, was Zeitgenossen von dem, was demnächst geschieht, ahnen können.“ Natürlich würde aber dargestellt, dass der Krieg in Sicht war, „sonst würden wir ja lügen.“
Kriegsvorbereitungen
Im Landesmuseum soll zudem 2014, 100 Jahre nach dem Ersten Weltkriegsausbruch, eine Ausstellung mit dem Titel „Schrecklich kriegerische Zeiten“ folgen. „Der Friede war eine Illusion der Belle Epoque, das hat man aber erst ein Jahr später gemerkt“, erklärte Direktorin Heike Pöppelmann.
Müsste man aber hier nicht doch hinterfragen, ob das Problem nicht eher die monarchistische Illusion war, in rückwärtsgewandter Klein staaterei an alten Zeremonien, Machtstrukturen und nationalistischen Konzepten festzuhalten? Dass die Sozialdemokraten letztlich den Kriegskrediten aus Patriotismus zustimmten, wie Stölzl betonte, lässt ja gerade ahnen, wie sehr solche Konzepte bis in die Arbeiterschaft hinein noch verinnerlicht waren.
Stölzl appellierte an die Politiker, der kritischen Sorgfalt der Wissenschaftler zu vertrauen. Vorträge, Kolloquium und ein dreibändiger Katalog sollen Hintergründe beleuchten. Kulturdezernentin Anja Hesse wünschte sich ein Signal, dass das Konzept zur Beschlussvorlage für die Ratsentscheidung werden könne. CDU, SPD und Grüne zeigten sich weitgehend zufrieden.
Die Zeit drängt sowieso. 150 000 Euro sind zwar bewilligt für Recherche und die Zusammenarbeit mit freien Kulturträgern, die ebenfalls Beiträge entwickeln wollen. Die sollen dann noch eingehen in das Marketing-Programm, das aber umgehend entstehen muss, um Messen und Tourismusunternehmen noch zu erreichen. Bislang sind Schlüsselwerke der Moderne im Staatstheater vorgesehen (Schönbergs „Gurrelieder“ und Sternheims Satire „1913“ etwa), Architekturführungen zum Wilhelminismus im Stadtbild und eine Filmreihe „Gekrönte Häupter“.

