Auf Sinnsuche im verschneiten Wald

Braunschweig  Roland Schimmelpfennig macht einen Wolf zum Fixpunkt seines neuen Romans.

Roland Schimmelpfennig.

Roland Schimmelpfennig.

Der Wolf ist ein scheuer Jäger. Oft nimmt man seine Gegenwart erst wahr, wenn er wieder fort ist: an den Spuren im Schnee, an einem gerissenen Schaf. Die Legende des Canis lupus speist sich meist aus dem „Kurz-Danach“ seines Wirkens.

Und so ist es auch in Roland Schimmelpfennigs Roman-Debüt. Der renommierte Dramatiker macht in „An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts“ den Wolf zum schemenhaften Fixpunkt seiner Handlung. Für sein Erzählen gilt dieses „Kurz-Danach“: Vieles führt der Autor nicht aus, Ungesagtes wird erst in seinen Konsequenzen sichtbar. Der Mythos des Wolfs ist die Schablone für Schimmelpfennigs Stil selbst.

Der 48-jährige Berliner ist einer der bedeutendsten Bühnenautoren. 2010 wurde er zum Dramatiker des Jahres gewählt. Auch mit dem nun erschienenen Prosatext, der es verdientermaßen auf die Shortlist für den diesjährigen Leipziger Buchpreis geschafft hat, verabschiedet sich Schimmelpfennig nicht vollständig vom Theater. Manch Kapitel besteht allein aus Dialogen. Die Figuren werden weniger beschrieben, als dass sie sich durch ihr Handeln akzentuieren.

In Brandenburg reißen zwei Jugendliche von zu Hause aus, schlagen sich durch den verschneiten Wald. Ein Alkoholiker lässt den Entzug hinter sich und sucht seinen Sohn. Eine junge Journalistin will mit einer Story über den Wolf, der zu Beginn des Romans vor Berlin gesichtet wurde und nun dort angekommen ist, den Aufmacher des Jahres recherchieren. Und ein Spätkiosk-Betreiber aus dem Prenzlauer Berg macht sich auf die Jagd nach dem Raubtier. Schnell wird klar: In allen Figurenkonstellationen des Buches geht es um Suche und Flucht. Die Protagonisten, die immer als Paare ihren Ausgang nehmen, werden auseinandergerissen – erst gegenseitig, dann auch in sich selbst. Die Juroren des Leipziger Buchpreises loben die Formstrenge des Romans.

Aber er ist noch viel mehr. Schimmelpfennig spielt mit Literatur, ohne sie gelehrt und manieristisch zur Schau zu stellen.

Er erzählt fast naturalistisch. Er ist ein Meister der Lücke und des Minimalismus. Gegenwärtiger kann ein Autor kaum sein. dpa

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