Der Mann, der die Vögel liebte

Braunschweig  Der Braunschweiger Künstler Klaus Stümpel ist tot. Sein Kollege Lienhard von Monkiewitsch stand ihm nahe.

Ich kenne Klaus seit meiner Jugend. Wir trieben uns in unterschiedlichen „Banden“ im selben Stadtgebiet Braunschweigs herum, wir trainierten im selben Schwimmverein. Wir verweigerten beide den Wehrdienst, trafen uns wieder an der HBK. Wir hoben beide je eine Dohle aus dem Nest und zogen sie auf. Wir sind beide Jahrgang 41, er der ältere, da am 22. März geboren, ich der jüngere, da am 23. März geboren.

Schon als Kind legte Klaus Stümpel eine Sammlung toter Vögel an, teils aus einer Art forscherischen Interesses, teils aus einem schwer zu definierenden Fasziniertsein von Kreatur und ihrer Vergänglichkeit. Er war Jäger und Sammler, hoch talentierter Angler und einer der besten Zwillenschützen, die mir je begegnet sind.

Auch züchtete er leidenschaftlich und liebevoll Brieftauben, versorgte und pflegte mehr als hundert von ihnen. Hatte sich eine seiner Spitzenfliegerinnen den Flügel oder das Bein gebrochen, dann baute er ihr ein Hängegestell, schiente Flügel oder Bein, bis sie wieder startklar waren. Er konnte aber auch radikal aussortieren, machte das ohne erkennbare Emotionen, aber stets mit großem Respekt für das Lebewesen. Wo man am Himmel nur einen winzigen, in wippendem Flug dahineilenden dunklen Punkt ausmacht, spricht er bereits von der Heckenbraunelle.

Ich denke, dass dieser eher private Blick auf Klaus Stümpel erlaubt war, um den Künstler dahinter deutlicher erkennen zu können. Oder ist es nicht vielleicht eher so, dass er gar nicht in diese zwei unterschiedlichen Betrachtungsaspekte zerfallen darf? War nicht schon seit seiner Jugend seine geradezu manische Beschäftigung mit all dem, was da kreucht und fleucht, mit seiner immer zwingender werdenden künstlerischen Berufung verknüpft?

Die Vögel sind nicht einfach abgezeichnet, er hat sich ihrer vergewissert, sie sind durch ihn hindurchgegangen, haben sich mit ihm selbst verbunden. Er sagt: „Ich kann mich in die Vögel hineinversetzen, ich kenne ihre Anatomie, ihre Bedürfnisse. Ich habe sie durchlebt.“ Hier wird spätestens klar, dass der Vogel für Klaus Stümpel die Metapher ist für alles in diese Welt geworfene Leben, dieses gnadenlose Sein.

Die menschliche Figur wirkt in seinen Zeichnungen, Malereien und Collagen wie hineingeworfen in die bisherigen Protagonisten, „Menschling“ nennt er sie, sie erscheint unter all den Dingen gleichwertig, erhebt sich nicht, wird eher als hilflos empfunden, ist nicht einer mit dem Auftrag, sich die Welt untertan zu machen, ist eher ein Irrläufer, ein fassungsloser Hinschauer auf das mit allem Reichtum und allem Elend behaftete globale Chaos.

Große Auszeichnungen wie der Sprengel-Preis, der Massimo-Preis, das Niedersächsische Künstlerstipendium und seine Berufung zum Professor an die Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig belegen seinen Rang in der Kunstszene.

Ausschnitte einer Rede des Künstler-und Professoren-Kollegen zur Verleihung des Kunstpreises der SPD 2011.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder
Captcha
    Weitere Artikel aus diesem Ressort