Eine Frau namens Freiheit

Braunschweig  Lutz Seilers grandioser Roman „Kruso“ spielt am Ende der DDR auf der Insel Hiddensee.

„Edgar Bendler hatte beschlossen, zu verschwinden, ein Satz wie aus einem Roman.“ Es folgen sehr viele wundervoll gebaute Sätze in Lutz Seilers „Kruso“ über die Flucht des DDR-Studenten Ed. Ed sucht die Freiheit keineswegs westlich, sondern diesseits der Grenze auf der Ostseeinsel Hiddensee – im schicksalhaften Sommer 1989. Er wird sie für ein paar Monate als Tellerwäscher im Ausflugslokal „Zum Klausner“ finden – bis die Öffnung der Grenze im Herbst diese Gemeinschaft sprengt.

Verschwinden wird, auf schreckliche und fantastische Weise zugleich, auch Edgars über alles geliebter Freund und Mentor Alexander Krusowitsch. Sein Kurzname Kruso erinnert absichtsvoll an Robinson Crusoe, den berühmtesten Schiffbrüchigen der Literaturgeschichte.

Der DDR-Kruso mit einem Sowjetgeneral als Vater schart auf Hiddensee „Schiffbrüchige“ wie Ed als Gemeinschaft Freiheitssuchender um sich. Eine muntere, bunte Truppe von literaturversessenen Kellnern mit Namen wie Rimbaud und Fußball-Vorbildern wie dem legendären DDR-Libero Dixie Dörner führt der 1963 geborene Autor in seinem Romandebüt vor.

Er hatte selbst im Sommer 1988 als Tellerwäscher im „Klausner“ erlebt, dass Hiddensee tatsächlich Dropouts, Literaten und anderen DDR-müden Geistern ein bisschen Platz zum Luftholen bot.

Dabei war Hiddensee als möglicher Start für Fluchtversuche über die Ostsee zur 50 Kilometer entfernten Dänen-Insel Møn für Normalbürger nur begrenzt zugänglich und das Wasser streng überwacht. Wie Seiler diesen seltsamen Ort mit dem „Klausner“ als Zentrum über fast 500 Seiten lebendig werden lässt, ist meisterhaft.

Souverän und bilderreich verwebt der Autor riesige gesellschaftliche Brüche mit zarten individuellen Entwicklungsgeschichten. „Kruso“ ist ein großer Roman über den Zerfall der DDR, aber genauso auch die Entwicklungsgeschichte eines durch den Unfalltod seiner Freundin aus der Bahn geworfenen Studenten.

Wie Ed sich durch seine Arbeit im Abwasch-Dreck und die Gemeinschaft mit den anderen im Klausner-Lokal geläutert fühlt und seine persönliche Krise überwindet, ist genauso wichtig wie der gleichzeitige Zusammenbruch des „Systems“. Seiler wechselt zwischen bisweilen religiösem Ernst und trockenem Witz. „Keine Gewalt!“ – der Ruf bürgerbewegter DDR-Demonstranten ist auch hier auf Hiddensee zu hören, als Edgar einen beim Bouletten-Klau erwischt und wutentbrannt das Küchenmesser erhebt.

Das Ende der DDR kommt in dieser Geschichte ganz und gar nicht als Verheißung oder kollektiver Aufbruch in die Freiheit daher. „Die Freiheit zieht uns an. Sie erkennt ihre Helfer. Und sie hat auch dich erkannt. Sie hat dich erkannt, Ed!“, gibt Kruso seinem Freund vor dem eigenen Verschwinden als oberster Freiheits- und Sinnsucher auf Hiddensee noch mit.

Die Freiheit gehört zu den ganz wenigen weiblichen Hauptfiguren in „Kruso“. Gesucht wird sie so gut wie ausschließlich von Männern. Es verblüfft, dass Frauen in diesem Buch aktiv nur als Randfiguren erscheinen, dafür aber passiv als Objekte von Trauer oder Begierde stärker in den Vordergrund treten.

Am Ende begegnet Ed dem Leser auf der anderen Seite der Ostseeküste, im dänischen Kopenhagen. Er macht sich als gereifter Mann auf die Spurensuche nach Krusos verschollener Schwester Sonja, die als junges Mädchen am Strand von Hiddensee herausgeschwommen war und für immer verschollen blieb.

Ob sie die 50 Kilometer bis Møn schaffen wollte und tot an die dänische Küste geschwemmt wurde, wie so viele andere? Viele Fragen lässt Lutz Seilers „Kruso“ offen, und auch das ist gut an diesem Ausnahmebuch. dpa

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