Den Verlust sichtbar machen

Braunschweig  Esther Dischereit verfasste Klagelieder und ein Libretto über die Opfer des NSU.

Ismael Yozgat betet in Kassel auf der Gedenkveranstaltung zum achten Todestages seines Sohnes Halit, der von der NSU-Terrorgruppe ermordet wurde.

Ismael Yozgat betet in Kassel auf der Gedenkveranstaltung zum achten Todestages seines Sohnes Halit, der von der NSU-Terrorgruppe ermordet wurde.

Die Braut, die keinen Vater hat, der ihren Tanz anführt. Der kleine Bruder, der sich nun wünscht, dass der große ihn ärgert. Die Mutter, deren Sohn ihr keine Blumen mehr bringen wird.

Die deutsch-jüdische Schriftstellerin Esther Dischereit hat sich in acht Klageliedern einfühlsam in die Hinterbliebenen der NSU-Mordserie hineinversetzt. Die Klagelieder bilden den ersten Teil des deutsch-türkischen Buches „Blumen für Otello“ und sollen laut Dischereit, „den Verlust sichtbar machen, Leiden und Klagen ermöglichen“.

Autorisiert sind sie nicht, denn Esther Dischereit wollte die Opfer nicht eins zu eins abbilden. Sie hat sich durch viele Akten gelesen, Experten befragt und im Untersuchungsausschuss des Bundestages gesessen, um ein möglichst genaues Bild der Toten zu bekommen. Es ist unglaublich, dass diese authentischen Stücke entstanden sind, ohne dass die Autorin mit den Hinterbliebenen sprach. Einige der Familien schätzen ihre Arbeit und ließen sie wissen, dass sie sich dadurch getröstet fühlen.

Der Klage folgt die Anklage. Den umfangreichsten Teil des Buches bildet ein Libretto in acht Szenen. In zwei Szenen trifft Shakespeares schwarzer General Otello auf eines der Mordopfer, den Blumengroßhändler Enver Simsek, der stellvertretend für alle Opfer steht. Sie unterhalten sich: „Enver: Was führt uns beide hier zusammen? Otello: Diese Frage stelle ich mir auch. Ich bin der Mohr, der Neger, wie sie sagen, und Sie? Was ist mit Ihnen los? Blumen verkauft, sonst nichts, das soll einer glauben?“

Otello, der seine Frau aus angestachelter Eifersucht tötete und selbst Rassismusopfer ist, will wissen, warum Enver erschossen wurde. Dischereit spielt in seiner Antwort auf grobe Ermittlungsfehler der Behörden an, die zunächst im Umfeld der Opfer ermittelten: „Enver: Warum fragen Sie mich? Sie sollten es besser wissen, nachher gehen Sie noch zu meiner Frau und fragen sie, ob ich in Wirklichkeit ein Bordell geführt hätte oder einen Krach mit meinem Bruder. Hören Sie auf... Halten Sie ein...“.

Auch die anderen Szenen kritisieren das Vorgehen der Polizeibeamten und Geheimdienstler indirekt und führen die Täter vor. Mörder A und B unterhalten sich zum Beispiel über Campingurlaub und Zitrusfrüchte, die zum Beziehungsstreit führen.

Zwischen den Szenen gibt es erzählende Textteile mit vielen Andeutungen. Ohne fundierte Kenntnisse der NSU-Mordserie und ihrer Aufklärungspannen sind sie kaum zu verstehen. Die Auflistung der Verbrechen des NSU sowie die Dokumente sind zwar informativ, erleichtern den Zugang zum Libretto aber nur bedingt.

Esther Dischereit, Jahrgang 1952, glaubt fest daran, dass das Libretto wie auch die Klagelieder in der Oper aufgeführt wird. Einen Komponisten gibt es noch nicht.Die Herausforderung ist groß. Der Komponist muss sich intensiv mit Rechtsextremismus beschäftigen und den Text zur Singbarkeit hin bearbeiten.

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