James Bond muss sich geschlagen geben

Braunschweig  Die französische Komödie „Ziemlich beste Freunde“ ist der Überraschungserfolg des Jahres – Braunschweiger Kinobetreiber zieht Bilanz

Wiedermal kommt Braunschweig schlecht weg. Diesmal in Gestalt des Herzogs Carl Wilhelm Ferdinand. Der Förderer des Mathematik-Genies Carl Friedrich Gauß bleibt in Detlev Bucks Film „Die Vermessung der Welt“ vor allem durch seine fürchterlich schlechten Zähne in Erinnerung. Sogar die Berliner „Welt“ empörte sich, „wie Michael Maertens als Knattercharge den Herzog von Braunschweig mit der Vollmeise des Debil-Aristokraten ausstattet“.

Die Zeitung lässt dem Regenten aber Gerechtigkeit widerfahren, indem sie die Frage aufwirft, „was eigentlich an der Darstellung eines in Schmutz und Elend versinkenden Herzogtums dran ist, in dem immerhin eine Universität gegründet und die Frühindustrialisierung vorangetrieben wurde?“

Nun, die Verfilmung von Daniel Kehlmanns Erfolgsroman um die Wissenschaftler Gauß und Alexander von Humboldt wurde in den Feuilletons verrissen und auch beim Publikum zum Flop. Überhaupt war es nicht das Jahr des deutschen Films. Nur drei Produktionen gelang der Sprung über die Marke von einer Million Besuchern. Am besten schnitt „Türkisch für Anfänger“ ab. Am schlimmsten misslang „Zettl“, Helmut Dietls Berliner Imagination der 80er-TV-Serie „Kir Royal“. Der Braunschweiger C1-Kinobetreiber Frank Oppermann nennt ihn eine „trübe Klamotte“.

Oppermann freut sich über fünf Prozent mehr Zuschauer als im Vorjahr, während der Besuch bundesweit etwa gleich geblieben sei. Er bilanziert: „Der Kampf ums Massenpublikum, das mit seinem Eintrittsgeld auch die kleinen, schönen Filme finanziert, wird von Jahr zu Jahr schwerer. Weil die Masse heute mehr und mehr dem individuellen Programm im Internet folgt. Man braucht schon gute Gründe, wenn man sie vor die Tür locken will.“

Umso mehr freut er sich darüber, dass ein eher kleiner Film 2012 das Rennen gemacht und die Mega-Hollywood-Produktionen auf die Plätze verwiesen hat: die französische Komödie „Ziemlich beste Freunde“ nach einer wahren Geschichte von einem Gelähmten und seinem Pfleger.

Eine weitere Überraschung sei „Skyfall“. Denn der 23. Bond-Film habe seine ja ihrerseits schon sensationell erfolgreichen Vorgänger geradezu deklassiert. Damit ist es ihm nach Oppermanns Beobachtungen ebenso wie „Ziemlich beste Freunde“ gelungen, Publikum aller Altersschichten anzusprechen sowie auch „Kinoabstinente“ wieder zu locken.

Einige Klassiker enttäuschten: Ridley Scotts „Prometheus“ hält der Kinobetreiber für „zu banal“, den von Tom Tykwer und den Wachowski-Geschwistern gedrehten, 100 Millionen Dollar teuren „Cloud Atlas“ für „zu komplex und langwierig fürs große Publikum“.

Auffällig war der Erfolg rückwärtsgewandter Filme. Martin Scorseses „Hugo Cabret“ war ein berührender Liebesbrief an den Kinopionier George Meliès. Michel Hazanavicius setzte dem Stummfilm mit „The Artist“ ein Denkmal und räumte damit bei den Oscars ab.

Gleichzeitig drängte das Kino machtvoll in die digitale Ära. Pionierarbeit leistete Peter Jackson mit „Der Hobbit: Eine unerwartete Reise“. Oppermann: „Dass 3D ein wertvolles künstlerisches Werkzeug ist, bewies Ang Lee mit seiner Bestsellerverfilmung ,Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger’, die den dreidimensionalen Raum als sinnvolles erzählerisches Mittel einsetzt.“

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