„Heiner Geißler ist ein Ober-Opportunist“

Braunschweig  Matthias Matussek legt eine „katholische“ Novelle vor – Gespräch mit dem Journalisten und Buchautor in Braunschweig

Der Spiegel-Reporter und Buchautor Matthias Matussek (56).

Foto: Flentje

Der Spiegel-Reporter und Buchautor Matthias Matussek (56). Foto: Flentje

Wir treffen ihn im verwaisten Frühstücksraum eines Braunschweiger Hotels. Das Frühstück hat er verschlafen. Matussek ist der klassische Reporter-Typ: offenes Hemd, verwuschelte Haare, eine abgebrühte Weltläufigkeit gepaart mit scheinbar unverwüstlich guter Laune. Immer ein bisschen zu laut, mit einer Stimme, die markig schnarrend den dämmrig-leeren Raum durchdringt.

Dabei ist der Mund oft von einer lauernden Spottlust gekräuselt, mit den Mundwinkeln spielt er Abschätzigkeit, und die dunklen Augen blitzen, wenn er genüsslich Bosheiten formuliert.

Ein frommer Mensch.

In seiner Streitschrift „Das katholische Abenteuer“ hat der Spiegel-Reporter im vergangenen Jahr Farbe bekannt. Er schildert liebevoll seine katholische Kindheit und streitet für ein selbstbewusstes Auftreten von Katholiken in einer wertevergessenen, von Hedonismus und Konsumismus geprägten Welt, die diesem Glauben zumeist mit Abweisung und Geringschätzung begegne. Er bricht eine Lanze für den Papst, für die Tradition und gegen die Reformbewegungen speziell deutscher Katholiken.

Nun hat er eine Novelle nachgelegt: „Die Apokalypse nach Richard“. Darin variiert er die gleichen Themen. Richard ist ein alter Mann mit grauem Star, der am Tag vor Weihnachten plötzlich wieder sehen kann. Er geht zur Frühmesse, die ein paar ebenso alte Menschen mit ihm feiern. In dieser Szene klingt der Tenor des Buches an: eine leise Melancholie angesichts des Verdämmerns des abendländischen Christentums.

Für Richard, den lebenslangen Katholiken, ist das neue Sehen ein anderes Sehen, es geht einher mit dem körperlich-geistigen Verfall. Ein Sehen quasi unter dem Blickwinkel der Ewigkeit. Er empfängt zum Fest seine Familie, die zerstritten ist und zerstreut in alle Welt. Da ist Matussek im Grunde wieder bei seiner Kindheit: bei der Sehnsucht nach einem katholisch begründeten Familienzusammenhalt.

Es ist, im Kontrast zur manchmal recht lauthalsigen Frömmigkeit des Reporters, ein mildes Buch, anfangs von fast Siegfried-Lenzscher Betulichkeit, etwas holzschnittartig in der Personenführung, durchschaubar in der pädagogischen Absicht. Aber es hat auch etwas im Wortsinne Wunderliches, etwas Tröstliches, ein wohltuendes Zur-Besinnung-Kommen.

Das Interview:

Herr Matussek, teilen Sie meine Einschätzung, dass wir in einer Epoche leben, in der das Jenseits an Bedeutung für die Menschen verliert?

Sicher, wir leben in Transzendenz-Vergessenheit. Rüdiger Safranski spricht von Diesseits-Idiotie. Die meisten Menschen in unseren Breiten können mit Gott nichts mehr anfangen. Jeder will sich so viel wie möglich auf den Teller packen, solange er lebt. Dadurch nehmen die Depressionen zu. Die Menschen sind aufgeklärt, aber unglücklich. Sie leiden an Sinndefizit.

Vergessenes ist ja auch der Rosenkranz. Ihr Held Richard betet ihn. Sie auch?

Früher als Kind regelmäßig – kniend vor dem Hausaltar. Da bin ich dann allerdings ausgebüxt in den Marxismus. Aber mein Vater war tolerant, er hatte Gottvertrauen, er hat für mich gebetet wie ich heute für meinen Sohn. Heute bete ich den Rosenkranz manchmal, wenn ich nicht einschlafen kann. Zu selten eigentlich. Er beruhigt. Er ist wie ein Mantra, ähnlich einer fernöstlichen Meditationstechnik.

In dem Buch kommt ein Sohn Richards vor, ein Journalist. Er hat stark autobiografische Züge – bis hin zu einer Talkshow, in der Sie sich mit dem katholischen Alt-Politiker Heiner Geißler und einer atheistischen Psychotherapeutin angelegt haben. Ich habe das gesehen. Ich fand Sie da nicht gut. Zu übermotiviert, zu unduldsam

Sie haben Recht. Aber wenn der Blödsinn zu groß wird, muss man sich auch mal schlecht benehmen dürfen. Wenn diese Psychotante Gott mit Hitler vergleicht, muss mir der Kragen platzen. Das haben mir übrigens auch viele Zuschauer bestätigt.

Hassen Sie Heiner Geißler?

Er ist ein TV-geiler Ober-Opportunist. Der verrät für einen Klatscher des Publikums die Essentials. Ich halte ihn für verschlagen. Aber ich hasse ihn nicht. Dazu ist er mir als Gegner zu unterhaltsam.

Ihre Haltung zur katholischen Kirche ist betont affirmativ. Sehen Sie denn gar keine Kritikpunkte?

Nicht die der „Kirche von unten“. Aber die Kirche ist erstarrt in dem Sinne, dass sie kein Glaubensfieber mehr entfacht, die Menschen nicht mehr entzündet. Da kann sie viel lernen von den Evangelikalen, ihrem Charisma, ihrer intensiven, lebensumkrempelnden Frömmigkeit. Der große Theologe Karl Rahner hat gesagt: Die Kirche wird mystisch sein, oder sie wird nicht sein.

Und Sie? Sind Sie stets ganz gewiss im Glauben?

Nein. Es gibt auch düstere Phasen, in denen ich zweifle, mich verlassen fühle, in denen der Echoraum wegbricht und alles tot ist. Aber wie sagt der Dichter Paul Claudel: Klappe halten, in die Kirche gehen, niederknien. Der Rest kommt von allein.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder
Captcha
Leserkommentare (4)
    Weitere Artikel aus diesem Ressort