Tanzen wie die Äste im Wald

Braunschweig  Zwei Choreographen-Teams bereiten den neuen Tanzabend im Kleinen Haus des Staatstheaters Braunschweig vor.

Die Choreographen (von links) Yossi Berg, Ivo Bärtsch, François Deneulin, Annabelle Bonnéry und Oded Graf auf dem Theaterdach.

Foto: Berger

Die Choreographen (von links) Yossi Berg, Ivo Bärtsch, François Deneulin, Annabelle Bonnéry und Oded Graf auf dem Theaterdach. Foto: Berger

Yossi Berg und Oded Graf entwickeln ihre Stücke gern gemeinsam. In ihrer eigenen Company in Israel tanzen sie sogar selbst noch mit. „Man kann dann die Tänzer mit seinen Energien viel direkter beeinflussen“, sagt Graf. Ihr erstes gemeinsames Stück war ein Duo für sie selbst. „Es gab viele solistische Abschnitte, also haben wir uns abwechselnd angesehen oder im Video, um den Eindruck der Bewegungen zu kontrollieren“, erzählt Berg. Die Diskussionen über Themen oder Schritte hören nie auf bei den beiden, sie sind auch privat ein Paar.

Der 36-jährige Berg hat bei der berühmten Batsheva Dance Company getanzt. Schnell wuchs sich das Bedürfnis, die Gedanken der Choreographen mit eigenen Bewegungsideen weiterzuführen, zu ersten eigenen Stücken aus. Noch immer findet er es spannend, wenn fremde Energien aufeinandertreffen, wie jetzt mit den Braunschweiger Tänzern. „Wir zeigen ihnen unseren Stil, aber dann sollen sie das Vokabular mit ihrem eigenen Körpergefühl anhand des Stoffes weiterentwickeln“, erklärt Graf.

Thema in ihrem Stück „The Forest“ ist der Wald, da sind sie bei den Deutschen ja gerade richtig. Sie haben ihre Natureindrücke zwar gerade in Dänemark gesammelt, aber die Idee ist universal. „Der Wald ist ein Ort der Ruhe und Erholung, aber auch ein Ort außerhalb der Gesellschaft, in dem man sich nicht verlaufen will“, schildert der 33-jährige Graf. So stehe er auch für die dunklen, triebhaften, animalischen Seiten des Menschen, sei die surreale Alternative zur Zivilisation. „Wir haben mit den Tänzern auch Bewegungen von Tieren und Pflanzen, etwa von Ästen im Wind, studiert“, sagt Berg. Wie Bewegungen von dem einzelnen Baum oder Tänzer auf die ganze Gruppe übergehen, gehört zu ihrem choreographischen Forschungsfeld.

Gleich drei Künstler entwickeln das zweite Stück des Abends, „Clear and Disorder“. Die Choreographin Annabelle Bonnéry, die in Frankreich ihre eigene Compagnie Lanabel hat, wurde angeregt von dem Wikileaks-Video des fehlgeleiteten US-Angriffs im Irak, der eigene Landsleute traf. „Wie kann man mit diesen Bildern im Kopf weiterleben, weiterschlafen, wir stecken ja drin in dem System. Und wie leben Menschen, die solche Gewalt in der Realität vorbereiten und wie in einem Videospiel ausführen?“, fragt die 39-Jährige.

Ehemann François Deneulin hat die Videospur dazu geschaffen, mit Zitaten des Wikileaks-Films, aber starken Verfremdungen, etwa auch des originalen Soundtracks. Der 40-Jährige ist eigentlich bildender Künstler, war eher Skulpturen und Gemälden als Videokunst zugeneigt. Durch Annabelle Bonnéry entdeckte er die Scénographie für sich.

Unterstützt werden die beiden noch durch den Schweizer Tänzer und Choreographen Ivo Bärtsch (36), der bei John Neumeier in Hamburg ausgebildet wurde, dann zum Tanztheater wechselte und nun zum Beispiel im Zeitsprung-Projekt des Theaters Bielefeld mit Laien verschiedenen Alters Stücke erarbeitet.

Er liebt Crossover, etwa in barocken Comédie-Ballets wie Purcells „König Arthur“ mitzuwirken. Und Bonnéry sucht gleichfalls die Anregung durch andere Kunstformen. Ein Stück hat sie mit einem Küchenchef gemacht, getanzte Haute Cuisine gewissermaßen. In Braunschweig kommt nun Video hinzu.

Premiere am Sonnabend, 19.30 Uhr, im Kleinen Haus.

Karten: (0531) 123 45 67.

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