Vom Glück, ein Spießer zu sein

München  Wolfgang Menge, Drehbuchautor, Moderator und „Ekel-Alfred“-Erfinder starb im Alter von 88 Jahren

Wolfgang Menge ist tot. Der Satz „Er hat Fernsehgeschichte geschrieben“ trifft auf diesen kreativen, unbestechlichen Kopf wahrlich zu, zumal, wenn er vor dem Hintergrund einer geschichtslosen Fernsehzeit formuliert wird. Menges Werk ist atemberaubend, einige Beispiele genügen, um die Verneigung vor einem Großen in Szene zu setzen.

Der leise, melancholisch wirkende Menge, Pfeifenraucher aus Passion, entwickelt mit Regisseur Jürgen Roland die TV-Krimireihe „Stahlnetz“ und liefert die Drehbücher. Der Kinofilm „Polizeirevier Davidswache“ thematisiert den öden Alltag von Streifenpolizisten auf dem Kiez in St. Pauli, die sich mehr schlecht als recht durch ihren frustrierenden Job quälen. Die „Dubrow-Krise“ über den Beitritt eines DDR-Dorfes zur Bundesrepublik zeigt, was 20 Jahre später mit dem Fall der Mauer tatsächlich Wirklichkeit wird.

Eine weitere, nicht minder aufwühlende Vision gilt der Umwelt: „Smog“, dicke Luft über dem Ruhrgebiet, zeigt den Menschen in zwergenhafter Größe angesichts der Bedrohung, die er selbst verursacht hat. „Das Millionenspiel“ mit dem hinreißenden Jörg Pleva auf der Flucht vor Killern rechnet lange vor der heutigen hechelnden Quotenhörigkeit mit Voyeurismus und Sensationsgier, Niveauverlust und Dümmlichkeit ab. Menge sieht sich in der öffentlich-rechtlichen Pflicht: Qualität ist unteilbar.

Er erfindet die Figur des Zollfahnders Kressin für den „Tatort“, dem Sieghardt Rupp jene unwiderstehliche Macho-Attitüde verpasst, die sich sonst in Europa eigentlich nur mit Alain Delon und Franco Nero in Breitwand-Positur wirft.

Und schließlich schafft Menge mit „Ekel Alfred“ Tetzlaff den Anti-Helden schlechthin, der auf perfide Weise in deutsche Wohnzimmer schaut und vom Glück und Leid des Spießertum berichtet – und dadurch doch zum Helden wird. „Ein Herz und eine Seele“ heißt die Serie, die mit 25 Folgen zwischen 1973 und 1976 den Menschen einen fiesen Spiegel vorhält, der ihre kleinen und größeren Sünden abbildet.

In welcher Dosierung auch immer – ein wenig „Alfred“ steckt in vielen Bürgern, mögen sie sich entrüstet gegen den kleinen Pöbler mit der großen Schnauze verwahren, der seine Frau Else als „dusselige Kuh“ anranzt und Tochter und Schwiegersohn mit endlosen Monologen über Faulheit, Ausländer oder behördliche Unfähigkeit überzieht. „Alfred“ ist das personifizierte Vorurteil, die Unlust auf Nachbarschaft und Toleranz, die rüpelnde Besserwisserei, ein Kotzbrocken in Pantoffeln, der sich durch ein langweiliges Leben schlägt und sich für einen Teufelskerl hält, wenn er andere schmäht. Ehefrau Else ist ihm übrigens in ihrer zähen Widerborstigkeit überlegen, eine früh Emanzipierte mit Heulton in der Stimme.

Aus heutiger Sicht wirkt vieles überzeichnet, aber die britische Serie „Mit Schirm, Charme und Melone“ und ihre Helden Emma Peel und John Steed haben in der Rückschau eben auch nicht mehr die Leichtigkeit der frühen Jahre.

Gleichwohl lohnt sich ein zweiter Blick ins traute Spießerglück der Familie Tetzlaff, denn ganz gefeit vom „Ekel“-Syndrom in seinen vielen Verästelungen sind wohl nur wenige Zeitgenossen. „Alfred“-Nachfolger „Motzki“ konnte den Obernörgler übrigens nicht ersetzen.

Schließlich war Menge ein begnadeter „Talker“. Als Mitbegründer der Radio-Bremen-Talkshow „III nach Neun“ – heute „3 nach 9“ – fragt er sich als einer der regelmäßigen Gastgeber förmlich in die Gäste hinein, zuweilen mit Spott in den Augen, zuweilen dröge-direkt, wie gebürtige Berliner eben sind. Aber er biederte sich nie an, er blieb auf Distanz, höflich und konsequent: Er will etwas wissen und sich nicht gemeinmachen mit den Gästen, die er mit diesem unnachahmlichen Blick um Einblicke bittet.

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