Filmfachmann im Reich der Mitte

Braunschweig  Der Braunschweiger Martin Brandes hat sich in China als Experte für die Filmbranche eine neue Existenz aufgebaut – und ein Buch darüber geschrieben.

Martin Brandes als Jurymitglied beim Nationalen Chinesischen Dokumentarfilm-Wettbewerb.

Foto: privat

Martin Brandes als Jurymitglied beim Nationalen Chinesischen Dokumentarfilm-Wettbewerb. Foto: privat

Nicht London, New York oder Los Angeles. Sondern Peking. Seufz. Chinas Hauptstadt hatte Martin Brandes nicht gerade im Sinn, als er seiner damaligen Gattin versprach, mit ihr ins Ausland zu gehen, wenn ihr US-Arbeitgeber ihr einen spannenden Posten anbieten würde.

Doch es wurde ausgerechnet Peking. Auf die Schnelle absolvierte Brandes, gebürtiger Braunschweiger und bis dato Wahl-Münchener, mit seiner Frau Sprach- und Kulturverständnis-Kurse. Da war viel von der berühmten chinesischen Zurückhaltung die Rede. „Als dann aber bei einem unserer ersten Restaurantbesuche in der neuen Heimatstadt am Nachbartisch jemand wirklich sehr geräuschvoll auf den Boden spuckte, beschlossen die Gattin und ich, unsere Seminar-Erkenntnisse doch einmal zu überdenken.“

Das war 2001. Brandes’ Hauptwohnsitz ist immer noch Peking. Nun hat der 60-Jährige ein Buch über seine Erfahrungen als Neubürger herausgebracht: „Ich bin jetzt in China – ein Selbstversuch“.

Flott, witzig und erfrischend gegen den Strich der Fernost-Ratgeberliteratur gebürstet, erzählt Brandes, warum das Drängeln in China allgemeine Daseinsform ist (weil es alle in die Städte zieht) und warum seine fleißige Haushaltshilfe Ayi schmutziges Geschirr per Hand wäscht und dann heimlich in die Spülmaschine stellt (weil sie Maschinen als Arbeitsplatzvernichter verachtet).

Man schmökert sich auch deshalb mit Spaß durch Brandes’ Buch, weil der Autor sich gerne selbst auf die Schippe nimmt. Das gilt auch, wenn er über seinen kurvigen Lebensweg berichtet, der ihn über Köln nach München in leitende Positionen im deutschen Filmgeschäft führte.

Brandes’ Eltern betrieben im Kreis Helmstedt einen Bauernhof. Der Junge versuchte es nach der Handelsschule mit diversen Jobs, bis er sich vom Kinokassierer zum Verkaufschef der Firma Concorde-Film hocharbeitete und schließlich als Geschäftsführer des Verleihs Kinofilm München selbstständig machte. Er vertrieb Autorenfilme von Peter Turrini und Patrice Chereau – „keine nachhaltigen kommerziellen Erfolge“, räumt Brandes ein.

Schließlich beschloss er, eigene Drehbücher zu verwirklichen, jobbte derweil als Bettenverkäufer, lernte dabei seine mittlerweile geschiedene Frau kennen – und landete 2001 in Peking.

Als „damals praktisch einziger Deutscher in China mit Insider-Kenntnissen der deutschen Filmwirtschaft“ habe er sich eine neue Existenz aufbauen können, erzählt Brandes. Er arbeitete als Korrespondent für Branchenzeitschriften, organisierte das nach eigenen Angaben erste deutsch-chinesische Filmfestival und wurde Berater des chinesischen Medienministeriums für Dokumentarfilme. „Die sollen schließlich auch im Ausland vermarktet werden“, so Brandes.

Auch das chinesische Fernsehen müsse sich wandeln, betont er – ein Riesenapparat: Neben dem nationalen Sender CCTV mit einer Vielzahl von Kanälen betreibe jede der rund 30 Provinzen sowie jeder der etwa 800 Landkreise eigene Sender.

Es gebe zwar noch keine Konkurrenz durch Privatfernsehen, aber durch das Internet und den schwarzen DVD-Markt, auf dem westliche Filme günstig angeboten würden. Darum versuche das mächtige Staatsfernsehen zunehmend, sich an den Bedürfnissen der Konsumenten zu orientieren. „Ohne Zuschauer lassen sich auch keine Botschaften mehr versenden“, so Brandes.

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