Eine Überdosis Seele

Helmstedt  „Immer ein leises Gehen“ – Gedichte des Jerxheimer Autors Holger Jürges, der im Hauptberuf Polizei-Kommissar ist

Der 53-jährige Kriminalkommissar Holger Jürges an seinem Arbeitsplatz in Schöningen. In seiner Freizeit schreibt er Gedichte.

Foto: Rogoll

Der 53-jährige Kriminalkommissar Holger Jürges an seinem Arbeitsplatz in Schöningen. In seiner Freizeit schreibt er Gedichte. Foto: Rogoll

Ja ja, das Bändchen liegt schon eine ganze Weile auf dem Schreibtisch. Zugesandt von einem Dichter aus Jerxheim bei Helmstedt in der vagen Hoffnung auf Beachtung.

Man glaubt ja kaum, dass es solche Gedichte noch gibt! Das ist keine Lyrik, das ist Poesie! Dass es noch Leute gibt, die dem sanften Hauch, dem zarten Duft, dem Bächlein, dem Schimmer goldner Sterne, der lieblich blauen Blume und so weiter ihre Verse widmen, um nicht zu sagen: weihen. Und diese Verse stammen auch noch von einem Mann, der von Beruf Kriminalbeamter ist!

Holger Jürges heißt er, und es war nicht nur Arbeits-Überlastung, die sein Büchlein bisher unbeachtet liegen ließ. Es war auch eine Scheu vor dem billigen Verriss, der da ein arg spätes, weihevoll-romantisches Epigonentum erblickt, eine allzu zutrauliche, religiös aufgeladene Naturschwärmerei, eine Überdosis Seele, eine ganz und gar ungebrochene Eichendorfferei, die sich konsequent dem entzieht, was wir seit mehr als 100 Jahren die Moderne nennen. Die also nicht zeitgemäß ist.

Das ist offensichtlich, also einfach.

Schwieriger ist es, mal leise und ehrlich in sich selbst hineinzufragen, ob wir nicht trotz aller modernen Entzauberung diese tiefe Sehnsucht immer noch in uns haben (und sie nur eben nicht mehr rauslassen).

Die Sehnsucht nämlich nach einer heilen und heilenden Natur, nach dem Erfühlen der Weltharmonie im Himmel und im Blumenblatt. Und die Frage nach dem, der dies alles unendlich sanft in seinen Händen hält (um Rilke die gebührende Reverenz zu erweisen).

Jürges Gedichte – eine Mischung aus Natur- und Gedankenpoesie – sprechen rhythmussicher und solide gereimt dieses sich verströmende Weltgefühl aus. Ihm gelingen zuweilen Formulierungen von sinnlich-melodischer Schönheit, etwa im „Herbst“: „Müd steigt der Morgen aus dem Feld/ und legt gedämpfte Sonne übers Land...“ Oder in der Phänomenologie des Windes, „der wehend lau, sich selbst in Fernen trägt.“

Und, bei aller herbeigesehnten Gottgeborgenheit in der Natur, erahnen die besseren Gedichte Jürges’ eben auch die schmerzliche Geschiedenheit davon, die Einsamkeit in der Schöpfung. Etwa in dem Lied an die Nacht: „Bin ich auch winzig klein/ in dir, die alles übersteigt,/so wag ich doch zu sein,/ als Seele, die sich zu dir neigt.“ Oder im Nachsinnen eines Adlerflugs: „Der Adler gleitet weiter,/bis deine Augen ihn verliern;/ die Täler scheinen breiter, –/in deiner Seele ist ein Friern.“ Das immerhin ist eine zeitlose lyrisches Grundbefindlichkeit.

Holger Jürges, „Immer ein leises Gehen“, Edition Das andere Buch, 11,90 Euro.

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