Buchtipps von Beate Hornack

Braunschweig  Zweimal Paris, zweimal Lodz – viermal Aufarbeitung von NS-Geschichte.

Wahre und falsche Irre

Paris 1940: Die deutsche Wehrmacht ist auf dem Vormarsch nach Paris. Wer kann, verschwindet aus der französischen Hauptstadt. Auch ein Zug mit psychisch Kranken ist auf dem Weg aus der Stadt.

Privatdetektiv Nestor Burma soll einen Psychiater bewachen, der suizidgefährdet ist. Es hilft nichts, eines Tages findet Burma den Psychiater tot auf. Selbstmord? Mord? Und was haben die Studien des toten Psychiaters zum Gedächtnisverlust mit all dem zu tun?

Patrick Pécherot: Boulevard der Irren. Nautilus, 14,90 Euro

Mit offenen Augen

Paris Anfang der 1960er Jahre: Bernard Appelbaum wird Statist bei Truffauts Dreharbeiten zu „Jules und Jim“. Mit seiner Mutter sieht er sich den Film an. Diese offenbart ihm ihre erstaunlich ähnliche Liebes- und Lebensgeschichte, die in Polen beginnt und in Paris endet. Bernards Vater wurde in Auschwitz ermordet, als er gerade zwei Jahre alt war. Bernard versucht zu begreifen. Er lernt eine deutsche Studentin kennen, die ebenso versucht, die Vergangenheit zu verstehen, und dabei nicht auf die Unterstützung ihrer Eltern bauen kann.

Robert Bober: Wer einmal die Augen öffnet, kann nicht mehr ruhig schlafen. Kunstmann, 19,90 Euro

Gebt mir Eure Kinder

Steve Sem-Sandberg setzt den jüdischen Menschen, die in Litzmannstadt (wie die deutschen Besatzer Lodz nannten) im Getto eingesperrt wurden, ein Denkmal. Er verarbeitet die 3000-seitige Gettochronik und zahlreiche Schriften Überlebender. Im Mittelpunkt steht der Judenälteste Chaim Rumkowski, der das Getto in ein Arbeitslager umgestaltete und so meinte, Juden eine „Existenzberechtigung“ im Sinne der Nationalsozialisten zu geben. Ausgangspunkt ist seine Rede am 4. September 1942, in der er die Herausgabe der Kinder für den nächsten Transport in die Konzentrationslager forderte, um arbeitsfähige Menschen zu retten. Wer war dieser Chaim Rumkowski? Eine Annäherung an eine historisch umstrittene Person, in der Wirklichkeit und Fiktion manchmal schwer zu unterscheiden sind.

Steve Sem-Sandberg: Die Elenden von Lodz. Klett-Cotta, 26,95 Euro

Menschliche Tragödie

Ein fiktiver Prozess vor einem Geschworenengericht gegen Chaim Rumkowski wird zur gespenstischen Auseinandersetzung mit dessen Wirken im Getto Litzmannstadt. Im Salonwagen fährt er vor mit Frau und Sohn. Zeugen sind Lebende und Tote, Opfer und Täter. Der Staatsanwalt erhebt Anklage gegen König Chaim I., der einen Sklavenstaat errichtet habe, um den Deutschen Waren aller Art zu liefern. Der Verteidiger hingegen erklärt, dass Rumkowski 70 000 Juden hätte retten können, wenn der Krieg nicht so lange gedauert hätte. „Wir wären alle seine Schuldner“, ruft er aus.

Andrzej Bart: Die Fliegenfängerfabrik. Schöffling&Co, 19,95 Euro

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