Die Buchtipps aus der Kulturredaktion

Braunschweig  Jeden Abend Fußball, da kommt man ja mit dem Lesen kaum nach. Hier aber trotzdem drei frische Lektüre-Eindrücke.

"Wintzenried", "Bruder Kemal" und "Die sterblich Verliebten"

"Wintzenried", "Bruder Kemal" und "Die sterblich Verliebten"

Wintzenried

Rechtzeitig zum 300. Geburtstag des Philosophen Jean-Jacques Rousseau legt Karl-Heinz Ott diesen biografischen Roman vor. Er hält sich an die historischen Fakten des ruhelosen Philosophen-Lebens.

Vor unseren Augen entsteht eine absolut unsympathische, lächerliche, verlogene, selbstgerechte, onanistische, krankhaft narzisstische Figur. Schwankend zwischen Größenwahn und Verfolgungswahn, zwischen Wurm und Wahnsinn... Pardon, muss das nicht heißen: Zwischen Genie und Wahnsinn?

Nein, in diesem Roman nicht. Ott macht den Rousseau klein, ohne ihm zugleich irgendeine Größe zuzubilligen. Er behauptet sogar, Rousseaus Idee, dass der Mensch von Natur aus gut sei und nur von der Gesellschaft verdorben würde, sei nur seiner Ruhmsucht zu verdanken und stamme nicht von ihm selbst, sondern vom Freund Diderot. Die Titelfigur Wintzenried ist übrigens eine völlig unerhebliche Randgestalt, die von Ott mit fragwürdiger Bedeutung aufgeblasen wird.

Das alles ist unterhaltsam- süffig zu lesen. Rousseau war wohl wirklich ein schwer erträglicher Typ. Man fragt sich aber doch: Wozu diese nachholende Runtermache?

Karl Heinz Ott: Wintzenried, Hoffmann und Campe, 18,99 €.

Die sterblich Verliebten

„Endlich zeigt große Literatur wieder ihr wahres Gesicht“, jubelt die spanische Presse über den neuen Roman ihres Großhelden Xavier Marias. Es geht um ein verliebtes Paar, das von der Ich-Erzählerin beobachtet wird. Als der Mann ermordet wird, sucht die Erzählerin Kontakt zu der Frau und dem besten Freund des Ermordeten.

Eigentlich ein vielversprechender Plot. Aber Marias unterbricht – wie in all seinen bisherigen Romanen – die Handlung immer wieder durch langatmige Reflexionen und Abschweifungen. Das mag große Literatur sein, aber es gerät auf Dauer leider auch zäh. Klassische Kritiker-Literatur.

Xavier Marias: Die sterblich Verliebten, Fischer-Verlag, 19,99 €.

Bruder Kemal

Endlich ist Kayankaya wieder da, der türkische Privatdetektiv im Frankfurter Dschungel, der Bruder im Geiste von Philipp Marlowe und Sam Spade.

Im neuen Roman von Jakob Arjouni löst er seinen fünften Fall. Er gerät zwischen Nobel-Vorort und Rotlichtviertel, zwischen Buchmesse und Islamismus in die Abgründe der Multikulti-Metropole – unerschrocken, trocken, illusionslos, gewitzt, knallhart, wenn’s sein muss, und im Grunde natürlich so goldherzig wie all seine hartgekochten amerikanischen Vorbilder. Ein Sittengemälde als Krimi.

Jakob Arjouni, Bruder Kemal, Diogenes-Verlag, 19,90 €.

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