Mit kleinen Tricks die Aufmerksamkeit erhöhen

Braunschweig  Ein Gespräch mit der japanischen Komponistin Keiko Harada, die Sonntag und Montag in der Braunschweiger Stadthalle zu hören ist

Keiko Harada.

Foto: Berger

Keiko Harada. Foto: Berger

Europapremiere: Keiko Haradas Stück „The other Side“ erklingt im Sinfoniekonzert des Staatsorchesters Braunschweig zum ersten Mal außerhalb Japans. Gepaart mit Bruckners 8., zu deren romantischem Fluss die breite sinfonische Anlage mit starken Klangballungen gut zu passen scheint. Ist die im Titel genannte „andere Seite“ auch so eine romantisch auf Transzendenz und Weltenharmonie gelenkte?

„Komponieren ist für mich ein Eintauchen in eine andere Welt, das ist richtig. Aber der Titel nimmt viel konkreter darauf Bezug, dass ich zuvor Stücke über die Themen Gewalt und Hiroshima gemacht hatte. Ich wollte mich bewusst positiveren Gefühlen zuwenden“, erläutert die Komponistin. Inzwischen gebe es eine dritte Bedeutung: „Nach Fukushima ist das Leben in Japan nicht mehr wie vorher. Die Angst vor Erdbeben und verseuchtem Essen sitzt tief.“ Die Politiker in Japan zum Umdenken zu zwingen, sei aber schwer, demokratisches Selbstbewusstsein kaum vorhanden: „Die Demokratie ist ein noch junger West-Import“, sagt sie.

Musik könne den Menschen zeigen, welche Möglichkeiten sie haben, was alles im Leben steckt.

Damit die Musiker ihre Musik immer mit voller Energie spielen, hat sie sich Tricks ausgedacht. Zum Beispiel zwei Noten zur Auswahl. Wenn die Flöte die höhere nimmt, muss die Klarinette reagieren und den tieferen der beiden wählen. „So hören sich alle aufmerksam zu.“ Auch das Publikum musste schon mitwirken: „Ein Stück beginnt mit dem gemeinsamen Ausatmen aller Zuschauer.“

Harada hat schon im Kindergarten fasziniert auf die Finger des Lehrers am Klavier gestarrt und das zu Hause imitiert. „Ich konnte immer nur nach Gehör spielen, keine Noten“, sagt sie. Heute bewundert sie Beethoven und Brahms auch für die Schönheit der Struktur, den Ausdruck der Leidenschaft. „Wie direkt in der Kammermusik die Spieler ihre Gefühle miteinander teilen und mitteilen, das konnte ich mir in Japan, wo man sich höflich bedeckt hält, nicht vorstellen.“

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