„So so. Sie sind also der Künstler.“

Braunschweig  Jens Lorenzen hat für die Bildzeitung die Titelseite mit der berühmten Schlagzeile „Wir sind Papst“ gemalt und dem Papst in Rom überreicht

Eins von Lorenzens Papst-Bildern.

Eins von Lorenzens Papst-Bildern.

Zwei Männer, wie sie unterschiedlicher kaum sein können. Da ist zuerst der Bild-Chefredakteur Kai Diekmann – laut, schlau, lebenslustig, mit gegeltem Haar und robustem Ego. Und zweitens der Papst Joseph Ratzinger, fromm, streng, leise, durch und durch vergeistigt.

Der dritte Mann ist der Künstler. Jens Lorenzen, ein Mann, der sich auf gemalte Zeitungs-Titelblätter spezialisiert hat, die immer ziemlich zerrissen und ramponiert aussehen. Die Frankfurter Allgemeine hat er schon gemalt und die Braunschweiger Zeitung auch (das Bild hängt in unserem Konferenz-Raum).

Nun hat Lorenzen im Auftrag von „Bild“ die wohl berühmteste Schlagzeile des Blattes in eine Reihe von Bildern verwandelt. Eins davon haben Diekmann und Lorenzen dem Papst in einer Privat-Audienz überreicht. Bilder, Bedeutung und Überreichung dokumentiert nun ein Buch (Herder-Verlag, 19,95 Euro).

Darin schildert Lorenzen, wie er die Audienz erlebt hat. Die einzigen Worte, die der Heilige Vater an ihn gerichtet hat, waren: „So, so. Sie sind also der Künstler.“ Lorenzen hat das tief beeindruckt. Wir freilich hören da eine höfliche, ja sogar fein ironische Distanz heraus.

Was treibt die drei Männer an in diesem Moment? Diekmann, dem wohl selbst Wohlmeinende kaum fromme Gefühle beim Dichten von Überschriften unterstellen, gelingt es, seine geniale Schlagzeile (und en passant sein Blatt) künstlerisch zu überhöhen und spirituell von allerhöchster Stelle würdigen zu lassen.

Lorenzen, den Künstler im Geiste der Pop-Art, interessiert die Frage nach christlicher Ikonografie in Zeiten der Massenmedien. Da man keine Andachtsbilder ohne Kitsch mehr machen kann, wie funktionieren Elemente der Religiosität im oberflächlichen Bilderrauschen, wie passt das Numinose des Glaubens ins Grellbunte des Verkaufens?

Dazu montiert er Elemente der Warenwelt mit christlicher Symbolik in die Papst-Bilder – von Klosterfrau Melissengeist bis zum Jägermeister. Seine Bilder – das ist typisch für die Pop-Art – schillern unentschieden zwischen Kritik und Affirmation.

Die Distanz des Papstes freilich ist klar. Schließlich empfiehlt er seinen Schäfchen, sich aus der Verderbtheit der Welt zurückzuziehen. Was aber wäre ein stärkeres Symbol für die verderbte Welt als die Bild-Zeitung?

Die Bildübergabe beim Papst erscheint wie so ein Comic-Bild mit einer Denk-Blase für jeden der drei Männer. In jeder steht etwas ganz anderes.

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