Kunst für die Ohren

Braunschweig  Der Audioguide für die Berliner Gerhard-Richter-Schau entstand in einem Seminar der Braunschweiger Kunsthochschule.

Eine Besucherin mit Audioguide-Kopfhörern in der Gerhard-Richter-Schau in Berlin vor seinem Gemälde „Seestück (See-See)“.

Foto: Michael Kappeler/dpa

Eine Besucherin mit Audioguide-Kopfhörern in der Gerhard-Richter-Schau in Berlin vor seinem Gemälde „Seestück (See-See)“. Foto: Michael Kappeler/dpa

Audioguides sind in. Kaum eine Ausstellung, in der nicht jene kleinen Abspielgeräte mit Kopfhörern zu leihen sind, von denen die Erläuterungen zu Werk und Zeit bequem ins Ohr träufeln, während man die Augen frei hat zum Sehen. Das mühsame Entziffern von Bildbeschriftungen und Erklärtafeln entfällt. Wer sich in der Berliner Gerhard-Richter-Schau einen Audioguide gönnt, hört dabei Texte, die in einem Seminar der Braunschweiger HBK entstanden sind.

Jaqueline Krone, 24, Kunstwissenschafts-Studentin im 5. Semester, erklärt wieso: „Dorothée Brill, eine der Kuratorinnen der Richter-Schau, hat im Wintersemester ein Gastseminar über Gerhard Richter gegeben. Dazu gehörte eine Übung, in der wir die Texte für den Audioguide schreiben sollten.“ Diese wunderbare Verbindung aus Lehre und direkter Anwendung hat auch Anikó Merten, 30, verlockt, die kurz vor ihrem Master-Abschluss steht.

Die Auswahl der Objekte, die besprochen werden sollten, war vorgegeben, denn so eine Führung darf ja nicht zu lang werden. Deshalb war auch die Anzahl der Worte pro Objekt begrenzt. „220 durften es sein, beim Schreiben ist das nicht viel, aber man wundert sich, wie lang es dauert, bis sie gesprochen sind“, sagt Krone.

Lieblingsobjekte durfte man sich auch nicht aussuchen. Die Werke wurden auf die Seminarteilnehmer verteilt. „Solche Audioguide-Texte sollen so neutral wie möglich sein und sehr sachlich den Zugang zum Objekt schaffen“, sagt Merten. Die führende Audioguide-Firma „Antenna Audio“ hat die Schulung übernommen. Auch für sie war es ein Experiment, dass Studenten die Texte liefern. „Sie gaben uns zehn Regeln an die Hand. Vor allem, dass der erste Satz knackig sein und zum Hören einladen muss. Die Sätze sollten kurz sein, die Beschreibungen bildlich, aber nicht wertend. Dem eigenen Urteil des Betrachters soll nicht vorgegriffen werden“, erzählt Krone.

Sie hatte das Objekt „11 Scheiben“ vorzustellen, das elf hintereinander an die Wand gelehnte Glasscheiben zeigt. Ihr Einstieg lautet: „Nein, hier wurden keine Fensterscheiben abgestellt und vergessen.“ „Das war tatsächlich mein erster Impuls, als ich diese Installation in der Londoner Tate Gallery live sah, und so geht es vermutlich den meisten Besuchern“, sagt Krone. Als sie die Ausstellung in London besuchte, wusste sie noch nichts von dem Seminar. Ein besonderer Richter-Fan war sie bis dahin auch nicht. „Als Kunstwissenschaftlerin muss man sich alles angucken und analysieren können. Ich habe keine Favoriten.“

An Richters Glasscheiben faszinierte sie, wie sie das eigene Spiegelbild verändern, das am Ende so verschwommen wirkt, wie Richters fotorealistische Gemälde. „Unschärfe ist ein durchgehendes Thema bei Richter, egal ob bei Gemälden, Abstraktion oder Objekten.“

Anikó Merten hat das Gemälde „Ausschnitt“ vorgestellt. „Ich ging vom Titel aus: Offenbar sehen wir nur einen Teil der Wirklichkeit, vielleicht weil das Ganze nicht mehr darstellbar ist“, sagt sie. Auch ihr Text beginnt dicht am Erfahrungshorizont des Betrachters: „Wenn wir das große Ganze besser verstehen wollen, zerlegen wir es. Wir zoomen heran“. So war Richter tatsächlich vorgegangen: Er vergrößerte den Ausschnitt aus dem Foto seiner Palette und malte ihn nach. Ein konkretes Bild wirkt nun abstrakt.

Privat sind die beiden Studentinnen übrigens nicht die Audioguide-Fans. „Ich will unvoreingenommen die Werke betrachten“, sagt Krone. Als sie nun noch vor der Eröffnung mit dem Guide durch die Richter-Schau gingen und ihre Texte von Schauspielern gesprochen hörten, sei das aber schon ein gutes Gefühl gewesen.

Ansonsten ist ihr Lohn: „Erfahrungen und die Punkte fürs Seminar“, sagt Krone lachend.

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