Afro-Jazz aus Braunschweig für die Welt

Braunschweig  Kojo Samuels und Oliver Belz ist mit der CD „Kojato“ ein Coup geglückt. Der clubtaugliche Afro-Jazz erobert Szenediskos weltweit – hören Sie mal rein!

Der gebürtige Liberianer Kojo Ebenezer Samuels und sein Produzent Oliver Belz.

Foto: Rudolf Flentje

Der gebürtige Liberianer Kojo Ebenezer Samuels und sein Produzent Oliver Belz. Foto: Rudolf Flentje

Percussions brodeln, der Bass fährt in Beine und Becken, Bläser blitzen sonnig auf, eine Gitarre setzt funky Akzente. Und Kojo Ebenezer Samuels schlendert über einen afrikanischen Marktplatz. Es riecht nach getrocknetem Affenfleisch und dem warmen Blut einer Ziege, die gerade geschlachtet wurde, singt er. Es ist heiß, es ist quirlig, es ist gut. Glut, Schweiß und Leben.

„Funky Afrika“, frohlockt Samuels rauer, leicht kehliger Bariton. Eine würzige, entspannte Soulstimme, grundiert von viel Lebens- und Bühnenerfahrung. Die sich auch mal zurücknehmen kann und die fähige Band machen lässt.

Kojo Samuels, 68, ist kein spätberufener Neuling im Musikgeschäft. In den 70er und 80er Jahren machte er sich mit seiner Band Kapingbdi international einen Namen in der Jazzrockszene. Seine Basis war damals wieder sein Heimatland Liberia, wo er in der Hauptstadt Monrovia einen erfolgreichen Live-Club betrieb, wie er erzählt. Als Ende der 80er Jahre der Bürgerkrieg begann, war Schluss damit. Samuels flüchtete nach Norddeutschland, wo er als junger Mann schon einmal gelebt hatte, verdiente sein Brot mit Trommel- und Tanzworkshops, als Maler und mit Bandprojekten.

Vor drei Jahren bekam der Braunschweiger Produzent Oliver Belz die CD „Homage to Afrika“ in die Hände, die der Keyboarder André Neundorf in seinem Cremlinger Tonstudio Lola Planet mit Samuels aufgenommen hatte. „Ich war sehr angetan davon, hatte aber das sichere Gefühl, dass man das noch zeitgemäßer und spannender produzieren kann“, sagt Belz.

Der 54-Jährige gehört als Schlagzeuger und früherer Theatermusiker zu den gestandenen Größen der Braunschweiger Musikszene. Vor einigen Jahren gründete er sein eigenes Platten-Label Buyu-Records. Den Durchbruch schaffte er spätestens 2010 mit der CD „Bossa Nova Just Smells Funky“ seines Band-Projekts Bahama Soul Club. Die Latin-Jazz-Scheibe verkaufte sich weltweit gut, so dass auch Belz’ neues Projekt „Kojato“ auf offene Ohren stieß.

Gemeinsam mit Samuels und Keyboarder Neundorf hatte er Samuels Songs neu arrangiert und mit regionalen Profimusikern wie den Gitarristen Helge Preuß und Claus Hartisch und Background-Sängerinnen wie Britta Rex und Suse Möhle eingespielt. Samuels sang, spielte Percussion, Flöten und Saxophon. Belz produzierte das Album auf dem neusten Stand der Technik, prickelnd, dynamisch, tauchte es aber zugleich in einen erdigen Retro-Sound, mit einer Prise Psychedelic. Eine markante Mischung.

„Zuerst hat ein Sender aus Neuseeland das Album gespielt. Auch in Spanien, England und der Ukraine läuft es gut“, erzählt Belz. Deutschland-Radio Kultur und WDR 5 kürten „All about Jazz“ zur CD der Woche. Zwischenzeitlich führte die Scheibe auch die Jazz-Charts des Internet-Händlers Amazon an.

Ein schöner Erfolg in reifen Jahren für Kojo Samuels, den Mann aus dem bürgerkriegsgeschüttelten Liberia mit der abenteuerlichen Lebensgeschichte.

„Ich bin in Monrovia mit sieben Geschwistern aufgewachsen. Mein Vater war Mathematiker, und obwohl ich mich schon immer für Musik begeisterte, habe ich nach der Schule zunächst für eine Erzfirma in der Provinz gearbeitet“, erzählt Samuels.

Gegenüber seinen Kollegen prahlte er, dass er irgendwann seinen Weg nach Europa machen werde. Schließlich trampte er einfach los, lernte in der Elfenbeinküste einen reichen Franzosen kennen, mit dem er feierte und der ihm Geld für die Weiterreise schenkte. Als Hilfsarbeiter auf Frachtschiffen gelangte er schließlich nach Marseille und von dort aus nach Hamburg. Ein freundliches Ehepaar verschaffte ihm Job und Wohnung, später nahm er ein Kunststudium auf.

Als Künstler und Kunstlehrer, erzählt Samuels, habe er dann in Liberia und den USA gearbeitet, seine Band Kapingbdi und den Jazzclub in Monrovia gegründet. Es sei ein gutes Musikerleben gewesen – bis der Bürgerkrieg ausbrach und seine Existenzgrundlage zerstörte.

Er floh zurück nach Deutschland und arbeitete als Trommel- und Tanzlehrer, Musiktherapeut und Studiomusiker – zuerst in Hamburg, seit einigen Jahren in Braunschweig und Wolfenbüttel. Seit Mitte der 90er Jahre besucht er auch wieder seine Heimat Liberia und unterstützt dort seine Schwester Diana E. Davies, die in Monrovia eine Schule gegründet hatte.

Mit Hilfe aus der Region Braunschweig konnte die energische Frau ihre Bildungs- und Sozialprojekte weiter ausbauen. Die Lehrerin Annegret Müller, die Samuels Mitte der 90er Jahre bei einem Trommelworkshop kennengelernt hatte, rief die Initiative „Projekt für Liberia“ ins Leben. Dank ihrer Unterstützung konnte Diana Davies eine zweite Schule und ein Waisenhaus für etwa 30 Kinder samt kleiner Klinik aufbauen. Zudem werden über Paten aus der Region Braunschweig Studenten in Monrovia gefördert.

Für dieses Jahr plant das „Projekt für Liberia“ in Zusammenarbeit mit der Initiative „Ingenieure ohne Grenzen“, die neue Schule über Solarenergie mit Strom zu versorgen. Klappt es mit der Energieversorgung, kann irgendwann vielleicht auch Kojato ein Konzert für die Kinder in Monrovia geben.

Mehr Infos zu „Kojato – All About Jazz“ unter www.buyu-records.com

Das Projekt für Liberia betreibt einen Second-Hand-Laden in Braunschweig im Rebenpark, Rebenring 31, Innenhof C. Mehr Informationen über die Projekte in Liberia unter www.liberia-projekte.de oder (0531) 57 55 58.

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