Hadern mit dem Schicksal

Braunschweig  Biografisches, mal als Sachbuch, mal als Tagebuch oder auch als Roman.

Buchtipps von Beate Hornack

Buchtipps von Beate Hornack

Kurt Gerron war Schauspieler und Regisseur, ein Star in der Weimarer Zeit – nicht zuletzt als Moritatensänger in Brechts „Dreigroschenoper“. Die Nazis haben den Juden verfolgt und ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Dort wird er gezwungen, einen Propagandafilm zu machen – „Theresienstadt“, später bekannt unter dem Titel „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“. Vor die Entscheidung gestellt, den Film zu machen oder auch nicht, lässt Gerron sein Leben Revue passieren. Er will den Film nicht machen, aber überleben. Es hat ihm alles nichts genützt.

Charles Lewinsky: Gerron. Verlag Nagel & Kimche, 24,90Euro.

Schuldige Unschuldige

London im November 1941: Die deutsche Jüdin Irene Coffee, die sich zusammen mit ihrer Mutter aus Angst vor den Nazis töten wollte, steht vor Gericht – wegen Mordes an ihrer Mutter. Der Richter weiß, dass sie unschuldig ist. Dennoch bleibt ihm aufgrund der Rechtslage seit 1821 nur eine Wahl: Er muss Coffee zum Tode verurteilen, weil bei Selbstmordpakten laut Gesetz der, der überlebt, des Mordes schuldig ist. Coffees einzige Chance ist, Gnade beim König zu finden. Ein historischer Kriminalfall, eine Geschichte der juristischen Verfolgung der Selbsttötung und eine Exilgeschichte.

Heidrun Hannusch: Todesstrafe für die Selbstmörderin. Ch.-Links-Verlag, 19,90Euro.

Ungeliebtes Kind

Michael Mann war das jüngste Kind von Thomas und Katia Mann. Michael Degen nimmt als Erzähler einfühlsam Partei für den „Bibi“ genannten Sohn. Er schreibt von dessen Gefühl des Ungeliebt- und Ungewolltseins. Begabt, schwierig und alleingelassen, keine guten Voraussetzungen für das Leben. Die Mutter ist immer um das Wohl des berühmten Vaters besorgt. Als die Nazis die Macht in Deutschland übernehmen, kommt es zu einer vorübergehenden Familienzusammenführung in der Schweiz – der Anfang einer Flucht vor dem „großen Spucker“ Hitler, der der Familie Mann auf den Fersen ist. Den Nazis entkommt „Bibi“, nicht aber sich selbst.

Michael Degen: Familienbande. Rowohlt-Verlag, 22,95 Euro.

Schreiben gegen das Vergessen

Der Sozialdemokrat und Amtsrichter Kellner aus Laubach hat in den Jahren des Zweiten Weltkriegs Tagebuch geführt. Am Anfang schreibt er: „Wie kann man mit einem Volk, das wie Sklaven behandelt wurde, einen Krieg führen u. gewinnen wollen?“ Hellsichtig und klar deckt er nationalsozialistische Propaganda auf, ob es um die Judenvernichtung, die Verfolgung Andersdenkender oder Kriegstreiberei geht. Ein Beleg, dass man hätte wissen können, was passiert, schlimmer, dass man es wusste. Warum sonst die Angst!? Eine Fundgrube – für Historiker und für Laien.

Friedrich Kellner: „Vernebelt und verdunkelt sind alle Hirne“ – Tagebücher 1939 bis 1945. Wallstein-Verlag, 59,90 Euro.

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