Kaiserlob für Silberlinge

Vortrag eröffnete Minnesangfestival in Braunschweig

Karsten Wolfewicz singt.

Foto: Nielsen 

Karsten Wolfewicz singt. Foto: Nielsen 

Mit einer Mixtur aus Fakten, dramatischen Begebenheiten und mittelalterlicher Musik wusste Karsten Wolfewicz zum Auftakt des Europäischen Minnesang-Festivals in der Braunschweiger Dornse zu begeistern. Welch ein lebenspraller Bilderbogen mit Intrigen, Feldzügen, Alltagsszenen, Liebeshändeln, politischen Verwicklungen. Da wird gesoffen, gehurt, gezockt, wunderbar sensible Gesänge entstehen.

Das Rezept von Wolfewicz lautet: Geschichtenerzählung statt Geschichtsunterricht! Walther von der Vogelweide und Otto IV. treten aus dem Dunkel der Geschichte. Otto ist nicht nur der mit weltlicher Allmacht ausgestattete Kaiser. Er ist auch ein furchtsames, für Richard Löwenherz früh in Geiselhaft genommenes Kind, geängstigt von Dämonen und Naturerscheinungen.

Düstere und lebensfrohe Stimmungen macht Wolfewicz, virtuos in Wort wie in Gesang, lebendig. Mit Psalter, Harfe, archaischen Streichinstrumenten wie der arabischen Rebec und der Rotte, einer sechssaitigen Leier, werden Gesänge der Barden wie Hartmann von Aue, Wolfram von Eschenbach und Walther von der Vogelweide lebendig.

Auch das sind Menschen, mit Karriereängsten, sie sind anfällig für die Verlockungen der Mächtigen. So schlägt sich Walther 1212 auf die Seite Ottos und ist ihm mit dem Ottenton, einer Hymne in mittelhochdeutscher Sprache, ein machtvoller Propagandist. "Hêr keiser, sît ir willekomen, iuwer hant ist krefte und guotes vol!" (Herr Kaiser, seid willkommen, eure Hand ist voll Macht und Reichtum). Das ist, mit flexiblem, weichem Bariton gesungen, ein Beispiel frühen Personenkults.

Ottos und Walthers Welt ist eine politische. Ihre Themen: die Befreiung Jerusalems, Dschingis Khan, die Dichtungen Hildegards von Bingen, der Primat des Papstes. Die Minnesänger hatten auf Anweisung ihrer Brotherren, der Kaiser und Landgrafen, auch sängerisch zu tadeln, etwa Jagdexzesse der Höflinge. Schon damals ging die Kunst nach Brot.

Mit Ottos Tod 1218 sei die nach Westen ausgerichtete Reichspolitik zu Ende gegangen, sagte der wie eine perfekte Minnesängerkopie wirkende Wolfewicz. Ottos nach Süden drängenden Nachfolger setzten andere Akzente. Da sei eine historische Chance vertan worden. Vielleicht hätte der sich bis ins 20. Jahrhundert hinziehende Dauerkonflikt, zum Beispiel mit Frankreich, schon damals vermieden werden können.

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