"Auf Deutsch ist alles gesagt"

Was bringt das Pop-Jahr 2008? Den neuen Trend American Glamour, meint "Bravo"-Musikchef Alex Gernandt

Alex Gernandt, 41, stellvertretender Chefredakteur der "Bravo". 

Alex Gernandt, 41, stellvertretender Chefredakteur der "Bravo". 

Mit dem stellvertretenden Bravo-Chef sprach unser Redakteur Florian Arnold.

Junge deutsche Rockbands mit deutschen Texten hatten in den vergangenen Jahren viel Erfolg. Wie viel Potenzial hat die deutsche Welle noch? Wächst sie 2008 weiter?

Nein, im Gegenteil. Auf Deutsch ist so langsam alles gesagt, was zu sagen war. Wir werden 2008 etwas Neues erleben: Amerikanische Acts sind im Kommen. Das Stichwort heißt American Glamour, ein Trend, den der Erfolg der "High-School-Musical"-Filme ausgelöst hat. Michael-Jackson-Choreograph Kenny Ortega hat sie mit produziert. Die Musik machte die Darsteller Zak Efron und Vanessa Hudgens zu Topstars. Andere US-Künstler, die abräumen, sind Rihanna, Nelly Furtado und Jamie Lynn Spears, Britneys jüngere Schwester. Auch die Sieger des Bravo-Newcomerwettbewerbes 2007, Aloha from Hell aus Aschaffenburg, singen auf Englisch.

Tokio Hotel waren die erfolgreichste deutsche Teenie-Band seit langem. Nun scheint auch ihr Stern zu sinken. Im Ausland feiern die Magdeburger zwar Erfolge, aber die Euphorie hierzulande lässt nach – richtig?

Nein. Tokio Hotel bleiben die erfolgreichsten deutschen Newcomer aller Zeiten. Selbst in Frankreich und Russland können sie nicht mehr unerkannt auf die Straße. Nun wollen sie die USA in Angriff nehmen. Ihr zweites Album "Zimmer 483" hat sich in Deutschland zwar nicht so oft verkauft wie das erste, aber die CD-Verkaufszahlen in der Branche sinken generell. Die Kids laden sich die Hits aus dem Internt herunter. Außerdem werden die Verfallszeiten der Bands kürzer. In den 90er-Jahren waren Boy-Groups wie Take That fünf Jahre angesagt, heute sind es zwei – wenn sich die Gruppen nicht weiterentwickeln. Das traue ich Tokio Hotel zu.

Was müssen Bands und Teeny-Idole haben, um erfolgreich zu sein?

Drei Kriterien zählen: musikalisches Talent, eine interessante Optik – und Texte, mit denen sich die Kids identifizieren können.

Aber Tokio Hotel schreiben ihre Musik und ihre Texte doch nicht selbst.

Das stimmt so nicht. Sie haben ein Produzententeam, aber sie sind involviert, sie mischen mit. Bill, der Sänger, ist ein kreativer Typ und ein echtes Unikat. Als wir ihn vor Jahren entdeckten, hatte er auch schon dieses besondere Aussehen. Das ist eine Voraussetzung für Erfolg: Was die Bands darstellen, darf nicht aufgesetzt wirken. Das gilt auch für andere deutsche Acts, die wir aufbauen: La Fee, Killerpilze, Nevada Tan.

Wenn Englisch wieder im Kommen ist – werden auch deutsche HipHoper umsteigen?

Nein, das würde nicht funktionieren. HipHop hat viel mit Slang zu tun – das können die amerikanischen Originale einfach besser.

Die deutsche Szene dominieren so genannte Gangsta-Rapper wie Bushido und Fer mit Texten über Gewalt und Sex. Bleibt das so?

Ja. Als deutscher HipHop aufkam, war er spaßig, geprägt von Gruppen wie den Fantastischen Vier. Der Gangsta-Rap ist neu, er fasziniert die Kids. Er erzählt ihnen von einer Welt, die sie nicht kennen, die aber so spannend ist wie ein Actionfilm. Klar, Texte dürfen nicht zu tief unter die Gürtellinie gehen, aber künstlerische Freiheit ist auch wichtig.

Stehen eigentlich auch Mädchen auf Gangsta-HipHop oder macht der vor allem Jungs an?

Das ist eine Jungen-Sache. Was bei Mädchen neu ist: Die fahren nicht mehr auf Boy-Groups ab, sondern auf weiblich Vorbilder wie Rihanna oder Christina Aguilera, die sich sexy und selbstbewusst geben.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder
Captcha
    Weitere Artikel aus diesem Ressort