Der Pragmatiker am Pult

Braunschweig  Der 25-jährige Christopher Hein dirigiert am Sonntag eine selbst eingerichtete Kammerfassung von Glucks „Orpheus“ in der Hausbar des Staatstheaters.

Christopher Hein dirigiert am Staatstheater Braunschweig Glucks Oper „Orpheus und Eurydike“.

Foto: Berger

Christopher Hein dirigiert am Staatstheater Braunschweig Glucks Oper „Orpheus und Eurydike“. Foto: Berger

Als Korrepetitor studiert Christopher Hein sonst die Partien mit den Sängern ein. Außerdem übernimmt er manchmal einige Vorstellungen einer Opernserie von anderen Dirigenten. In seiner aktuellen Eigenproduktion, Glucks „Orpheus und Eurydike“, hat er nur zehn Musiker zu leiten, da kann er intensiv seine Auffassungen verdeutlichen.

Glucks bahnbrechende Reformoper in einer Kammerfassung in der Hausbar herauszubringen, war seine Idee freilich nicht. Doch mit der Entscheidung für Gluck ist er ganz pragmatisch umgegangen. „Grundlage ist die ganze Wiener Fassung, allerdings ohne das Happyend, das Gluck aus Publikumskonvention anhängen musste“, erläutert Hein. Ein Klavier reiche freilich nicht, um etwa jene Kunst Glucks zur Geltung zu bringen, durch kreuzweise Besetzung inhaltliche Stimmungen zu erzeugen: „Manchmal lässt er die höchsten Töne von der tieferen Bratsche statt der Geige spielen, so entsteht größere Weichheit.“

So hat Hein sich für fünf Streicher, von jeder Sorte einen, entschieden, und dann ganz strukturell die Partitur überprüft. Zwei Oboen, die eigene Stimmen spielen, nicht bloß die Streicher verstärken, waren nötig. Ein Horn, eine Flöte. Er selbst begleitet am Cembalo. Dazu kommen Mezzosopran (statt Kastrat) für Orpheus und zwei Soprane für Eurydike und Amor.

Doch Regisseur Dorian Dreher hat sich noch eine Rahmenhandlung einfallen lassen. Darin wird Orpheus von einem Tenor gedoppelt und singt Arien aus den Orpheus-Opern Telemanns und Peris. Und eine hat Hein selbst in barockem Stil geschrieben. Außerdem übernehme der Tenor einige Chornummern. Premiere ist Sonntag, 20 Uhr.

Für den 25-jährigen Christopher Hein wurde Musik schon im Gymnasium zum Faszinosum. Doch ein schwärmerisches Verhältnis hat er dazu nicht. „Ich denke nicht in Bildern, wenn ich Musik höre“, sagt er. Aber einen emotionalen Gewinn spürt er schon. „Das ist sogar nach jedem Üben so, dass man spürt, wie es wächst.“

Und ein Fleißiger war er von je, denn das Klavierspiel durfte er erst lernen, nachdem er auf der Geige eines Freundes der Familie erfolgreich gewesen war. „Vorher war meinen Eltern die Investition in ein Klavier zu teuer.“ Mit 15 war ihm das Berufsziel Dirigent klar. Er las Klavierauszüge, spielte vom Blatt und war so übervorbereitet fürs Studium. Nun steht er am Pult. „Wie die Zuschauer wartet man auf bestimmte Passagen in der Musik, die einen berühren, die aber nur funktionieren im Zusammenhang.“

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